world wide simulation

Es gibt Situationen, die sind – wie soll ich es sagen? Wie ein Riss in der Zeit. Alles, was davor passiert ist, fühlt sich ganz weit weg ist, auch wenn einem ein Blick auf die Uhr sagt, dass man erst seit einer knappen Viertelstunde in diesem Raum steht.

»Irre, oder? Noch einmal?«

Ich nicke benommen. Ted grinst und ruft dasselbe Programm noch einmal auf. Die Welt um mich herum geht in die Knie. Alle Details verschwinden, als würde sich ein Nebelschleier über alles legen. Auch die Gedanken werden undeutlich. Dann ist es wieder vorbei.

Als mich Ted gestern angerufen und ins CERN eingeladen hat, um mir etwas zu zeigen, habe ich mit allem gerechnet. Das erste von Menschenhand geschaffene schwarze Loch. Ein neues Teilchen. Die Bestätigung der Stringtheorie. Eine Tür in ein Paralleluniversum.
Irgend etwas, was ich für einen neue Story benutzen kann. Aber nicht das.

Neben Ted steht Dr. Iris Tumel in dem kleinen Raum. Wir starren auf den alten Rechner, der auf einem Schreibtisch steht. Das Gehäuse ist leicht vergilbt und sieht aus, als wäre das Gerät seit 20 Jahren auf dem selben Fleck gestanden. Genauso wie der Schreibtisch. Nur der Flachbildmonitor passt nicht ins Gesamtbild. Dass dort ein blinkender Cursor auf schwarzem Hintergrund auf Eingabe wartet, passt das schon wieder eher zur archaischen Erscheinung.

Iris lächelt nervös, ihr scheint das gerade Erlebte eher unangenehm zu sein. Eine Art von Kontrollverlust, den jemand mit einem Doktor in theoretischer Physik nicht leicht verkraftet.

»Aber wie kann das sein?«, frage ich. »Wie kann der Computer, der uns und alles berechnet, selbst Teil der berechneten Welt sein? Das ist doch völlig unlogisch!«

Ted deutet auf Iris.

»Lass dir das von ihr erklären. Ich habe die Arbeit zwar gelesen, aber sie kann das besser.«

Iris setzt mit einem Erklärungsversuch an. Sie hat ein mathematisches Modell entwickelt, das eine unendliche Folge von Rekursionen renormieren kann. Das machen Physiker oft, wenn man aus einer unendlichen Größe irgendwas Sinnvolles ableiten möchte. Die renormierte Folge ist dann wieder isomorph zu einer selbstbezüglichen Schleife. Was danach kommt, sickert an meinem Bewusstsein vorbei, das nur um diesen alten Computer kreist und versucht, das gerade Erlebte irgendwie einzuordnen. Warum ausgerechnet so eine alte Mühle, wo doch direkt nebenan einer der schnellsten Rechner der Welt steht?

Als ob sie meine Gedanken lesen könnte, erklärt Iris:
»Dieser Rechner vor uns simuliert natürlich nicht mit seiner bescheidenen Rechenleistung unser Universum. Kein Computer der Welt würde das schaffen. Es handelt sich hier nur um das Residuum des Renormierungs-Funktionals.«

Sie deutet meinen Gesichtsausdruck völlig richtig und fügt hinzu:
»Der letzte Rest an Selbstbezüglichkeit ist dieser Rechner hier. Wenn man sich die Simulation als Blase vorstellt, ist sie geformt wie ein Wassertropfen, und an der Spitze des Tropfens – der Diskontinuität, wenn man so will – steht dieser Rechner. Wie leistungsfähig er ist, ist dabei zweitrangig, er muss nur das Kriterium der Turing-Vollständigkeit erfüllen.«

Hier schaltet sich Ted wieder ein.

»Interessanterweise ist die Performance aber direkt von dieser …« – er deutet auf den Rechner – »Diskontinuität hier abhängig. Wenn wir dem Rechner also wie gerade eben ein bisschen mehr zu tun geben, hat das direkte Auswirkungen auf die Güte der Simulation. Der Grad an simulierten Details geht zurück, die Welt wird undeutlicher, wie wir gerade eben am eigenen Leib erfahren haben.«

Er wendet sich erneut dem Rechner zu.

»Man kann die Simulation übrigens auch pausieren. Schau her.«

Er tippt sleep 5 ein und betätigt die Return-Taste. Sofort blinkt der Cursor wieder in der nächsten Zeile auf.

»Ich verstehe nicht ganz«, setze ich an.

»Normalerweise wartet der Computer 5 Sekunden, wenn ich das Kommando abschicke. So auch hier, allerdings merken wir nichts davon, weil die simulierte Zeit in diesen 5 Sekunden nicht weiterläuft. Wie schnell oder langsam simuliert wird, ob mit oder ohne Unterbrechungen – davon merken wir nichts. Nur wenn sich die Qualität der Simulation ändert, dann spüren wir das.«

Ich versuche, das eben Gehörte und Erlebte irgendwie einzuordnen. Dieser alte Computer berechnet nicht das Universum, bildet aber die letzte Bestätigung dafür, dass es berechnet wird. Wegen der unendlichen Kette von Rekursionen bedeutet das, das sich mehr oder weniger die Simulation selbst berechnet, und dennoch hängt alles an diesem alten Rechner. Dem Residuum. Ein unangenehmer Gedanke drängt sich auf.

»Was passiert, wenn jemand den Rechner ausschaltet? Oder wenn der Strom ausfällt?«

Iris übernimmt das Wort.

»Gegen Stromausfälle hat das CERN eine gut funktionierende Notstromversorgung.«

Ted ergänzt: »Bevor die komplett in die Knie geht, weil sämtliche Kraftwerke über einen längeren Zeitraum streiken, ist von der menschlichen Gesellschaft nicht mehr viel übrig. Bevor der Rechner hier ausgeht, herrscht Bürgerkrieg. Jeder gegen jeden – da wäre es ein Segen, wenn das Teil ausgeht und dem Ganzen ein Ende setzt.«

»Aber der Schalter?«

Ted dreht das Gehäuse vorsichtig herum. Dort, wo der Netzschalter sitzt, sind ein paar Stücke Wellpappe mit Paketklebeband fixiert worden.

»Kein Hinweis? Keine Beschriftung?«, frage ich verwundert.

»Ist besser so. Wenn in großen Lettern ›Auf keinen Fall ausschalten – Lebensgefahr!‹ draufsteht, gibt es immer irgendeinen Idioten, der garantiert draufdrückt.

Ich nicke langsam. Irgend einen gibt es immer, der trotzdem drückt. In diesem Fall aber könnte man posthum nicht mal mehr den Darwin-Award verleihen.

Ich lasse den Blick schweifen. Als ›Versteck‹ ist dieser Raum vermutlich gut geeignet. An einem Schrank ist die Tür aus den Scharnieren gebrochen und gibt den Blick auf vergilbte Stapel von bedrucktem Endlospapier frei. Weiter hinten stehen klobige Kästen, mit denen früher Fortran-Programme in Lochkarten gestanzt wurden. Hierher verirrt sich normalerweise kein Mensch.

»Derjenige, der den Schalter überklebt hat, muss auch davon gewusst haben«, murmle ich langsam. »Habt ihr schon mal geschaut, ob es Hinweise auf den Urheber gibt? Vielleicht steht ein Datum auf der Pappe?«

Ted und Iris schauen sich an. Iris geht zum Rechner und löst vorsichtig das Paketklebeband. Darunter kommen drei Rechtecke aus Wellpappe zum Vorschein. Zwei davon haben eine Aussparung, die dafür sorgt, dass die dritte, oberste Pappe den Netzschalter nicht berührt. Unter dieser Deckschicht ist ein zusammengefalteter Zettel.

Iris faltet ihn vorsichtig auseinander und streicht ihn auf dem Tisch glatt. Andächtig scheint jeder im Raum die Luft anzuhalten. Ganz oben steht lapidar ›Yep. That’s it. The secret of the universe.‹ Darunter mehrere Daten und Initialen. Der erste Datumseintrag hatte die gleiche Handschrift: ›1995-03-26 B.‹ Dann eine gute Handvoll weiterer Einträge, bis auf eine Ausnahme immer nur ein Buchstabe dahinter. Der letzte Eintrag war vom 20.11.2013, signiert mit einem F.

Ted zieht seinen Kugelschreiber aus der Brusttasche.

»Wir sind das erste Trio, das sich hier verewigt.«

Er schreibt das heutige Datum, gefolgt von einem T.

»Meine Damen …«

Er reicht den Stift an Iris weiter, die ein I dahintersetzt. Der Stift zittert leicht in ihrer Hand. Dann hält sie mir den Kugelschreiber hin.

»Ich? Aber ich arbeite doch gar nicht hier?«

»Das ist egal. Immerhin ist von uns beiden keiner auf die Idee gekommen, nach diesem Zettel zu suchen. Somit bist du ab jetzt eine von uns«, erwidert Ted. Iris nickt.

Na gut. Ich setze meinen Buchstaben dahinter. Ted holt sein Mobiltelefon heraus und macht ein Foto davon.

»Vielleicht lässt sich im Archiv etwas dazu herausfinden. Ich kann mir gut vorstellen, dass die meisten, wenn nicht sogar alle, die hier einen Eintrag gesetzt haben, kurze Zeit später das CERN verlassen haben.«

Er blickt herausfordernd in die Runde. Iris beißt sich erschrocken auf die Unterlippe. Das ganze Blut scheint plötzlich aus ihrem Gesicht gewichen zu sein.

»Ich meine, welchen Sinn hat es noch, irgendwelche Elementarteilchen aufeinander zu ballern, wenn das alles hier« – er macht eine ausladende Geste – »sowieso nicht echt ist?«

Iris schluckt schwer. Ihre Augen werden feucht. Wortlos nimmt sie das Blatt und faltet es ganz langsam, wie in Zeitlupe, wieder zusammen. Vorsichtig fügt sie die Kartonstücke und den Zettel zusammen. Sie setzt an, die Pappkonstruktion wieder über den Schalter zu kleben. Tränen laufen ihr über die Wangen und tropfen auf den Schreibtisch, wo sie kleine Krater in der dünnen Staubschicht hinterlassen.

Eine peinliche Stille füllt den Raum.

»Tut mir leid. Soll ich dir helfen?«, fragt Ted vorsichtig. Iris nickt wortlos und reicht ihm die Kartons. Das Klebeband hat über die Jahre seine Haftkraft eingebüßt und löst sich immer wieder vom Computergehäuse. Zwei Mal fallen die Kartonstücke auf den Boden. Ted schnauft schwer und streicht langsam, aber energisch über die Kanten des Klebebandes, presst es ans Gehäuse und die Kartons.

Wie in Zeitlupe sehe ich, dass Teds Hand gerade von der einen Seite aus über das Band streicht, um es anzupressen, während sich das andere Ende des Klebebandes wieder aufrollt und die Kartons ein winzigkleines Stück nach unten rutschen.

»Vorsicht! Die Kartons sind verru

2 Kommentare zu „world wide simulation

    1. Danke! Das Gefühl kann ich nachvollziehen, aber: solange „jemand“ noch Spaß damit hat, wird zumindest die ganze Sache erst mal weiterlaufen und nicht der Stecker gezogen bzw. der Schalter betätigt (zumindest nicht absichtlich 😉).
      Viele Grüße, Ysé

      Like

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten