Herr Bst

Herr Bst ist Künstler und mag am liebsten leuchtende, warme Farben. Sommerfarben. Meistens sieht man ihn nicht, den Herrn Bst. Das hängt sicher auch mit seinem Namen zusammen. Bst, bst, das sagen die Erwachsenen, wenn die Kinder zu laut sind. Und dann werden die Kinder manchmal leise und schrumpfen ein wenig in sich zusammen. Wie Herr Bst.

Wenn aber die Tage früh zu Bett gehen und die Nacht immer länger in den Morgenstunden herumlungert, ist Herr Bst in seinem Element. Dann greift er zu seinem Pinsel und malt die Farben des Sommers auf die Blätter:

Gezackte gelb,
rundliche rot,
breite braun,
längliche lila
(und Weinblätter natürlich weinrot).

Wenn dann die Nebel kommen und wie feuchte Watte in der Gegend herumhängen und sich zwischen die Häuser quetschen, leuchten die Blätter im schwachen Licht wie der letzte Sommer, hell und bunt und schön.

Aber der Nebel und die Kälte drücken aufs Gemüt und die Leute ganz weit in ihre Mäntel und Schals hinein, sodass sie manchmal gar nicht erst aus ihren Wohnungen kommen wollen. Dann lässt Herr Bst die bunten Flugblätter in Windeseile durch die Straßen verteilen, vorbei an jedem Fenster, auf jede akkurat gemähte Rasenfläche und sogar in den schmalen Spalt zwischen Scheibenwischer und Windschutzscheibe.

Und wenn ein Kind ein großes Ahornblatt vom Boden aufhebt oder ein Erwachsener innehält – bst, bst – und die Farben bestaunt, dann ist Herr Bst glücklich.


Eine kleine Her(r)bstgeschichte, die entgegen aller Vorbereitungen und Überlegungen dann doch ganz harmlos und unbedarft ausgefallen ist. Das liegt wahrscheinlich an der Sonne, die durchs fenster lugt – wäre es neblig, wäre die Geschichte sicher auch dunkler geworden …

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