Der Rasenmähermann

Ich und die Uhrzeiten. Es passiert mir immer wieder, dass ich zum Beispiel fünf Uhr am Nachmittag mit 15 Uhr durcheinanderbringe, und dann kann es sein, dass ich zwei Stunden zu spät zu einem Termin komme. Oder zu früh. Und dann stehe ich so wie jetzt am Bahnhof und stelle fest, dass Stephi mich deshalb nicht wie vereinbart vom Bahnhof abholen kann, weil sie noch in der Arbeit ist. Das Handydisplay zeigt mir 15:17 Uhr, und sie arbeitet bis halb fünf. Halb siebzehn klingt komisch, wäre aber eindeutiger gewesen. Und ich hätte den nächsten Zug nehmen können.

Viel Gepäck habe ich nicht bei mir: einen Rucksack und einen Stoffbeutel. Ich könnte also gemütlich zu ihrer Arbeitsstelle spazieren und dort auf sie warten. Google Maps sagt mir, dass das zu Fuß nur neun Minuten dauert. Aber links von der Route wird mir eine größere grüne Fläche angezeigt, vielleicht ein Park. Das Wetter ist schön, und ich habe eine Stunde Zeit. Also los.

Nach kurzer Zeit komme ich bei einer recht unspektakulären Grünfläche an, auf der sich zwei Schotterwege kreuzen und eine eiserne Parkbank steht. Um diesen Platz stehen ein paar Häuser, die in den achtziger Jahren architektonisch wohl der letzte Schrei gewesen waren und langsam in die Jahre gekommen sind. In einem Garten steht ein Brunnen. Eine nackte Frau hält eine Amphore, aus der Wasser plätschert. Das einst weiße Marmorimitat ist grau und an manchen Stellen grünlich verfärbt. Einige Vögel baden in dem flachen Wasser.

Ich beschließe, mich auf die Bank zu setzen und den Vögeln zuzusehen. Genau in dem Moment, als ich mich hinsetze, wird in einem der Gärten ein Rasenmäher gestartet. Die Vögel flattern erschrocken auf. War ja klar. Vermutlich hat der Besitzer der Höllenmaschine darauf gewartet, dass sich jemand auf die Bank setzt. Ich blinzle gegen das Sonnenlicht, um herauszufinden, woher der Lärm kommt.

In einer Lücke zwischen einer Wand aus Thujen schiebt ein Mann seinen Rasenmäher. Er sieht mich und zwinkert mir zu. Dann verschwindet er wieder hinter der Hecke. Vermutlich doppelt so alt wie ich. Na ja, eher Ende fünfzig, und bei mir steht ja auch schon eine Drei vorne. Er wendet und bleibt in der Lücke stehen. Mit beherztem Griff bringt er seinen Rasenmäher zum Schweigen.

»Für Sie ist das Lärm, nehme ich an?«, kommt er gleich zur Sache. Ich nehme an, mein Gesichtsausdruck war sehr eindeutig. Er sagt das aber nicht vorwurfsvoll oder verärgert und wirkt insgesamt recht freundlich.

»Na ja, vermutlich muss der Rasen ja irgendwann gemäht werden, aber …« Ich stocke. Eine ältere Dame mit grauen Locken führt Ihren Hund spazieren. Im Schatten sehe ich einen Kinderwagen, der geschoben wird. Wenn der Mann warten würde, bis sich niemand mehr hier aufhält, wäre es Nacht, und da kann er nicht mähen.

»Sie haben noch nicht oft selbst einen Rasen gemäht, nehme ich an?« Ich schüttle den Kopf. Ich wohne ja in einer Dachwohnung zur Miete, und so weit oben wächst kein Rasen.

Er blickt mich mitleidig an und bedeutet mir mit der Hand, doch ein bisschen näherzukommen.

»Riechen Sie das mal.« Wie um es mir zu demonstrieren, atmet er hörbar tief ein.

»Die Mischung aus frisch geschnittenem Gras und Benzin finde ich wunderbar.«

Ich nicke vorsichtig. Im Schuppen meines Großvaters roch es auch immer latent nach Benzin, und ich muss gestehen, dass ich diesen Geruch ganz gerne mag.

»Außerdem sieht es einfach ordentlich aus. Eine einfarbige Fläche, fast schon abstrakt, wenn man sie aus einem flachen Winkel betrachtet. Ein sattes Grün, eine Insel des menschlichen Schaffens, ein Teppich der Zivilisation.«

»Ähm, na ja …« Ich weiß nicht, was ich entgegnen soll. Das klingt schon reichlich pathetisch, aber ich bin zu verdattert, um etwas Sinnvolles erwidern zu können.

»Stichwort Teppich: Wussten Sie, dass der Rasenmäher von einem Textilingenieur erfunden wurde? Die Technik wurde zum Abschneiden überstehender Fasern verwendet, und er hat das Prinzip auf die Landschaft übertragen. Das war der Auslöser, der Codex kam später.«

»Codex? Es existiert ein Mäh-Codex?« Ich muss schmunzeln. »Ein Codex ovium?« Ovis ist das lateinische Wort für Schaf.

Er geht gar nicht darauf ein. Mäh.

»Ja, der Codex«, wiederholt er feierlich, dann beugt er sich vor.

»Ich glaube, Ihnen kann ich es verraten, weil –« Er unterbricht sich und blickt sich um. Die alte Frau und die kinderwagenschiebende Person sind verschwunden.

»Es existiert ein Codex. Zum Beispiel soll ein Rasen gewissenhaft und regelmäßig gemäht werden. Es gibt auch eine Kleiderordnung, die aber nicht von allen beachtet wird. Oberkörperfrei und mit kurzen Hosen geht für mich zum Beispiel gar nicht. Erstens wegen der Verletzungsgefahr, und außerdem muss ich dem Rasen ja auch mit einem gewissen Respekt gegenübertreten. Der Vorgang des Mähens – des bewussten Mähens – geht mit einer Sorgfalt bei der Auswahl des Gewandes einher.«

Das klingt ja fast nach einer Religion! Ich mustere die Kleidung des Mannes. Mein Vater hat immer mit alten und aufgerissenen Hosen gemäht, die an den unteren Aufschlägen grün waren. Oben meistens klassischer Feinripp. Mein Gegenüber trägt Arbeitskleidung. Saubere Arbeitskleidung. Vermutlich zieht er dieses ›Gewand‹ auch nur zum Mähen an.

»Respekt sollte auch den Mit-Mähern gezollt werden. Genau so, wie man einem anderen nicht ins Wort fällt, gehört es sich auch nicht, mit dem Mähen zu beginnen, wenn in Hörweite jemand anderes mäht.«

Das war mir tatsächlich schon öfter aufgefallen, dass in der Nachbarschaft nie gleichzeitig gemäht wird, sondern immer hintereinander. Aber dass es dafür Regeln gibt? Interessant.

»Der Mäher ist beim Vorgang des Mähens eins mit seiner Maschine, mit seinem Rasen. Ein anderes Motorengeräusch führt wegen der immer vorhandenen, wenn auch geringen Drehzahlunterschiede immer zu akustischen Schwebungen, und das stört die Zeremonie erheblich.«

Hat er wirklich Zeremonie gesagt? Mir fällt auf, dass ich schon lange nichts mehr zu dem Gespräch beigesteuert habe.

»Aha.«

Wenn zwei Menschen reden, wird es ein Dialog. Ich weiß aber beim besten Willen nicht, was ich auf seine Äußerungen sinnvolles erwidern könnte. Genaugenommen bin ich mir immer noch nicht sicher, ob er das alles wirklich ernst meint.

»Sie glauben mir nicht? Auch das ist kein Problem. Der Codex sieht vor, dass Ungläubige nicht geschont werden müssen, wenn die Umstände es erfordern. Im Blut ist Eisen, und das sorgt für gutes Wachstum.«

Mit einer schnellen Handbewegung packt er mein Handgelenk, und in der anderen Hand blitzt plötzlich ein metallischer Gegenstand.

Ich schreie – und finde mich auf der Bank wieder. Kein Mann, kein Rasenmäher, kein Opferkult. Alles friedlich. Die Vögel sind wieder am Brunnen. Ich habe das Gespräch wohl nur geträumt.

Vorsichtshalber blicke ich um mich. Kein Mensch ist zu sehen, aber im Hintergrund erklingt das vertraute Knattern. In einer Lücke zwischen einer Wand aus Thujen schiebt ein Mann seinen Rasenmäher. Er sieht mich und zwinkert mir zu.

6 Kommentare zu „Der Rasenmähermann

  1. Sehr gut beobachtet! Ich wusste auch nicht, warum hier im Viertel alle nacheinander mähen. Kaum ist einer fertig und man seufzt erleichtert über die Ruhe, da fängt der nächste an. Ich hatte schon den Verdacht, das wäre so ein abgekartetes Spiel, danke für deine Erhellung.
    Genial: „dem Rasen mit einem gewissen Respekt gegenüber treten“. Nicht, dass der sich in seiner Würde verletzt fühlt und vor Ärger braune Stellen bekommt.

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  2. Schade, dass es sich zuletzt als ein Traum erwiesen hat. Die Geschichte erinnerte mich nämlich an die Satiren von Edgar Allan Poe, der nach jeder Horrorgeschichte zum Runterkommen eine Satire schrieb, die natürlich nur, wie seine Rezensionen in einer Gesamtausgabe vorhanden sind. Ich grüße dich lieb, PP

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