Ich habe Kopfschmerzen. Ausgerechnet heute.
Das klingt so, als würde es an einem anderen Tag vielleicht besser passen. Wollen wir einen Termin vereinbaren? Das ist Quatsch. Aber heute treffe ich mich mit Stephi zum Frühstücken im Café. Ich hatte schon geschrieben, dass Stephi viel zu berichten hat, und es ist auch ohne Beeinträchtigungen nicht immer leicht, ihrem Redeschwall zu folgen.
Wobei das mit dem Termin gar nicht so weit hergeholt ist. Es ist die Art von Kopfschmerz, der Ereignissen vorausgeht, die Menschen mit zwei X-Chromosomen in der Regel einmal im Monat heimsuchen.
Um dennoch einigermaßen brauchbar in den Tag zu starten, mache ich mir daher ausnahmsweise eine Tasse Kaffee. Für solche Fälle steht eine Packung löslicher Kaffee ganz hinten im Teefach. Dass ich aus alter Gewohnheit meine große Teetasse genommen habe, merke ich erst, als ich das Pulver ins heiße Wasser schaufle. Naja, viel hilft viel.
Die große Tasse hat eigentlich nur den Vorteil, dass ich morgens mit einer Tasse Tee auskomme. Sie ist sehr schwer, und man muss sie mit beiden Händen halten, aber dafür ist sie noch zu heiß. Wenn ich einen übergroßen Wollpulli von meinem Partner hätte, dessen Ärmel die Hände fast verdecken, wäre es erträglich. Dann könnte ich mich mit der Tasse in den Händen anmutig ans Fenster stellen und meinen verträumten Blick schweifen lassen.
Aber ich habe keinen übergroßen Wollpulli. Und zur Zeit auch keinen Partner. Nur ein altes T-Shirt von einem Ex mit irgendeinem krakeligen Schriftzug drauf (seiner Lieblingsband, glaube ich), der sich vom vielen Waschen schon an manchen Stellen auflöst. Das nehme ich als Schlafanzug. Und in meiner Dachwohnung gibt es auch nicht viel, worüber man den Blick schweifen lassen könnte. Der Nachbar ist um diese Zeit nicht draußen, und auch der macht selten spannende Dinge, wenn nicht gerade ein Unwetter über uns hinwegzieht. Verträumt und Kopfschmerzen gehen auch nicht gut zusammen. Also sitze ich in einem ausgewaschenen Metal-Shirt am Küchentisch und rühre im Kaffee, damit er schneller Trinktemperatur erreicht. Dabei versuche ich, mit dem Löffel die Tasse nicht zu berühren, denn das Geräusch ist laut und unangenehm.
Zum Glück ist das Café nicht weit weg von der Wohnung, denn die frische Luft tut dem Kopf leider gar nicht gut. Kaum habe ich Platz am Tisch genommen, bekomme ich von Stephi die Nachricht, dass sie sich verspätet. Die Bedienung kommt. Ich bestelle einen Cappuccino. Vielleicht wirkt professionell gebrühter Kaffee besser als der lösliche.
Der Tisch, an dem ich sitze, kippelt ganz leicht. Ich suche nach etwas, das ich unterlegen kann, aber da ist nichts. Kein Taschentuch, kein Kassenbon im Geldbeutel. Ich könnte den Cappuccino zahlen, aber wenn ich dann sitzenbleibe, ist das auch seltsam. Kann man einen Gedanken falten und unter das Tischbein schieben?
Nun kommt Stephi. Wir umarmen uns, sie entschuldigt sich wortreich, und wir bestellen. Sie ordert das vegetarische Frühstück und einen großen Cappuccino. Gedankenlos sage ich »ich nehme das Gleiche«, und dann wird mir bewusst, dass ich dann gefühlt einen Liter Kaffee im Bauch haben werde. Aber die Bedienung ist schon weg, bevor ich noch korrigieren kann. Ab welcher Dosis ist Koffein tödlich?
Das Frühstück kommt. Ich habe den Eindruck, dass der Tisch nun stärker kippelt. Oder bilde ich mir das nur ein? Stephi erzählt den neuesten Klatsch und Tratsch und gestikuliert dabei wild mit den Händen. Wenn sie die dann wieder auf dem Tisch ablegt, kippt der wieder zurück.
Die Serviette ist benutzt, und mittlerweile glaube ich, dass die auch zu dünn wäre, um das Kippeln zu unterbinden. Wenn man das alles aufgeschrieben hätte, was Stephi gerade erzählt, dann könnte man die Blätter falten und unter das Bein stellen. Aber dann müsste sie noch viel mehr sprechen. Ob die Untertasse die richtige Höhe hat, wenn man sie umdreht?
Mein Blick schweift durch das Café. Wenn man den Tisch in Richtung Treppe stellt, könnte das zu kurze Bein auf der Stufe stehen, das könnte den Höhenunterschied ausgleichen. Aber dann kommt die Bedienung nicht mehr durch.
Mittlerweile macht mich die Gestikuliererei von Stephi nervös. Ich sehe im Geiste schon das Geschirr durch die Luft wirbeln, weil sie immer wieder energisch auf den Tisch klopft. Kleine Schälchen mit Honig und Marmelade fliegen dann durch den Raum, Gabeln bohren sich in Nachbartische. Aufruhr. Chaos.
»Was ist los mit dir?«, fragt Stephi plötzlich.
»Mir geht’s nicht so gut. Ich habe Kopfschmerzen.«
»Du Armes! Hast du schon was genommen? Bei mir hilft da immer Kaffee.«