honigkuchenpferd

»Lass dich überraschen«, sagte er und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Und weiter? Ich saß an meinem Schreibtisch und starrte auf den Bildschirm. Mist. Vorhin war ich noch total motiviert gewesen, an der Geschichte weiterzuschreiben, und jetzt überfiel mich gähnende Leere im Kopf und bleierne Müdigkeit. Ich gähnte. Vermutlich war die Euphorie von meinem Unterbewusstsein vorgegaukelt worden, um mich von der längst fälligen Einkommensteuererklärung abzuhalten. Neben der Tastatur lag ein Stapel mit Rechnungen und Belegen.

Ich ließ den Blick aus dem Fenster schweifen. Vorhin war es noch sonnig gewesen, aber jetzt zogen dunkle Wolken auf, und es sah ganz nach Gewitter aus. Auch das noch. Ich stützte meinen Kopf in die Hände und schloss die Augen. Kaffee wäre jetzt vermutlich genau das Richtige, aber dazu musste ich aufstehen. Gleich. Nur noch einen kleinen Moment ausruhen.

Ein seltsames Geräusch drang an mein Ohr, und ich öffnete die Augen. Die Worte auf dem Bildschirm schienen zu flimmern und dann sah es so aus, als würden sie sich von der Monitorfläche ablösen. Was war das denn? Ich rieb mir die Augen und schaute genauer hin. Das Wort ›Honigkuchenpferd‹ schwebte nun eine Handbreit vor dem Display in der Luft. Es schien zu zittern und zu beben, und in meinem Kopf erklang eine Stimme. Eine helle, aber ziemlich zornige Stimme. Nein, sogar mehrere. Drei, um genau zu sein.

»Was rückst du mir so nah an die Pelle? Rutsch‘ gefälligst!«

»Können vor Lachen. Du klebst doch an mir!«

Der oder die Dritte im Bunde gab nur ein abfälliges Schnauben von sich.

»Was ist da los?«, fragte ich verwundert. Wildes Durcheinandergeplapper war die Antwort.

»So verstehe ich gar nichts. Könnt ihr mal der Reihe nach sprechen – wer auch immer ihr seid?«

Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass das Wort ›Honigkuchenpferd‹ zu mir sprach, oder genauer: die drei Wortbestandteile ›Honig‹, ›Kuchen‹ und ›Pferd‹. Letzteres war ziemlich gutmütig und meinte nur, dass es lieber über irgendwelche Wiesen galoppieren würde, anstatt hier mit den anderen beiden Dumpfbacken zusammenzuhängen, und Kuchen sei zwar im Allgemeinen lecker, aber auf die Dauer halt auch nicht immer das Richtige. Der Kuchen fühlte sich eingezwängt und könne sich zwischen den beiden anderen gar nicht entfalten, während Honig jammernd klagte, dass seine Klebrigkeit doch in seiner Natur läge, sonst wäre er schon längst auf und davon.

Ich staunte, denn bis dato hatte ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, dass es Probleme bereiten könnte, Worte zu größeren Einheiten zusammenzusetzen. Macht man doch so bei uns: Donaudampfschifffahrtsgesellschaft.

»Ist das jetzt nur ein Problem zwischen euch dreien, oder …«

Wie auf Kommando meldete sich das Wort ›Einkommensteuererklärung‹ zu Wort, das sich aus der dicken Bleistiftumrandung löste, mit der ich es auf dem Notizblock markiert hatte. Steuer war der Wortführer. Wie gerne wäre es ein Steuer auf einem Piratenschiff und würde die Matrosen in Abenteuer führen, statt auf trockenen Formularen sein Dasein zu fristen. Ich warf vorsichtig ein, dass es hier ja um die Steuer und nicht um das Steuer ging, aber darauf ging sie/es gar nicht ein. Das Einkommen brachte ein paar völlig verrückte Thesen vor, und mir drängte sich der Eindruck auf, dass hier ein Wort mit Persönlichkeitsspaltung vorlag, und beide Teile wollten unbedingt zu Wort kommen. Die Erklärung wollte nicht viel dazu sagen, und ich konnte nicht herausfinden, warum.

Schließlich wurde mir das Genörgel zu bunt. »Ich hole mir jetzt einen Kaffee, wollt ihr auch welchen?«

Kuchen meinte, das würde gut passen. Honig und Pferd lehnten aus verständlichen Gründen ab. Das Einkommen hatte Angst, von hohen Haushaltsausgaben geschmälert zu werden, während das Steuer von irgendwelchen langen Autofahrten durch die Nacht zu schwadronieren begann. Die Erklärung schwieg beharrlich.

Als ich mit dem Kaffee zurück kam, sah alles aus wie vorher. Ich rieb noch einmal meine Augen, aber nun bewegte sich nichts mehr. Alle Worte waren an ihren angestammten Platz zurückgekehrt. War das nur ein Traum gewesen?

Ich las noch einmal den letzten Satz auf dem Monitor und musste grinsen. Wie ein Pferd des Kuchens des Honigs.

2 Kommentare zu „honigkuchenpferd

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