»… oder träumst du wieder?«
Sid blickte von seinem Buch auf. Sprach da jemand mit ihm? Er blickte sich um. Hinter ihm standen Mick, Rick und Mack. Drei Brüder aus dem gleichen Gelege, fast wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur die Farbe der Schuppen unterschied sie voneinander. Mick war eher grau als grün, bei Rick war es umgekehrt, und Mack war insgesamt heller.
»Ah, haben wir dich beim Lesen gestört?«, fragte Mick scheinheilig und lispelnd. Er fand es besonders witzig, die Zunge zwischen den Lippen heraushängen zu lassen, wenn er sprach, und seine Brüder grinsten dazu blöde.
»Lass mich in Ruhe, Mick. Ich muss die Lektüre fertig lesen.«
Sid wandte sich wieder dem Buch zu.
»Bist spät dran, ich hab das Buch schon vorgestern komplett gelesen, stimmt’s?«
Mick blickte auffordernd zu seinen Brüdern. Gackerndes Lachen. Klar hat er das. Und wenn es Honig regnet, kann man die Mehlwurmkekse aus dem Fenster halten. Mick ging in die gleiche Klasse wie Sid, seine Brüder wurden auf Parallelklassen aufgeteilt. Im Dreierpack wollte die kein Lehrer haben. Verständlich. Es reichte einer, aber zu dritt war es einfach nur noch blöd.
Mick grinste noch breiter.
»Da fällt mir ein: eine Stelle müsste ich noch mal nachschlagen.«
Er zwinkerte Mack zu, was Sid aber nicht bemerkte.
»Gib mir doch mal schnell das Buch.«
Ohne eine Reaktion von Sid abzuwarten, versuchte er ihm das Buch wegzunehmen, aber Sid hatte mit so etwas gerechnet und hielt das Buch fest. Es gab Gezerre, und Sid war sauer. Seine Schuppen am Hals richteten sich auf.
»Hör auf damit, dumme Kröte! Das ist nicht lustig!«
Mick war etwas größer und stärker als Sid und hätte ihm leicht das Buch entreißen können, schien aber nur spielen zu wollen. Sid kochte vor Wut. Er hatte keine Lust auf Streit. Er musste das Buch lesen, denn nach der Schule hatte er Klavierstunden und keine Zeit für die Lektüre. Rick stand daneben und grinste blöd. Wo war Mack?
Ein lauter Knall ließ Sid zusammenfahren. Sein linker Arm, mit dem er das Buch umklammert hielt, verkrampfte sich unterhalb der Schulter. Oh nein!, dachte er. Ein kurzer Schmerz durchzuckte ihn an dieser Stelle, und dann war der Arm ab. Mick zog das zuckende Körperteil, das immer noch das Buch umklammert hielt, aus dem Jackenärmel und ließ es fallen.
»Upsi«, machte Mack hinter ihnen.
Er hatte sich während der fingierten Rangelei hinter die beiden geschlichen und mit voller Wucht gegen den blechernen Mülleimer getreten, um Sid zu erschrecken. Damit hatte er das evolutionäre Überbleibsel ihrer vierbeinigen Reptilienvorfahren aktiviert, das es erlaubte, in Paniksituationen ein Körperteil abzuwerfen und zu fliehen. Den Schwanz hatte die Evolution schon vor Ewigkeiten wegrationalisiert, nicht aber den Abstoßungsreflex. Der funktionierte immer dann besonders gut, wenn es nicht ums schiere Überleben ging. Und die Situationen, in denen er wirklich Leben gerettet hatte, ließen sich wohl an einem Arm abzählen. Oder an einem Bein.
Mick grinste und schaute dem zuckenden Arm zu, dessen Bewegungen langsam schwächer wurden. Mit gespieltem Bedauern wandte er sich an Sid.
»Sorry, das tut mir echt leid, Sid. Naja, gut dass du mit rechts schreibst. Wir müssen dann mal.«
Bevor Sid etwas erwidern konnte, waren die drei auch schon auf und davon. Ihr meckerndes Lachen hallte noch kurz durch die Aula, dann waren sie draußen.
Sid rieb sich den Stumpf, dann hob er das Buch auf. Diese dummen Kerle! Ein abgefallener Arm war kein Beinbruch, aber das Nachwachsen würde höllisch jucken, und den Klavierunterricht konnte er für die nächsten vier Wochen vergessen.
Geniale Idee! So wäre Mobbing wohl bei Eidechsen.
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Vielen Dank! Ich fürchte, aber einer gewissen Intelligenzstufe gibt es immer ein paar vom Typ Mick, egal in welcher Lebensform …
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Wäre wir so, wenn wir keine Affen sondern Reptilien wären? Dann hätte wir wahrlich derartige Probleme… 😉
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Das war der Hintergedanke – wenn die Dinosaurier nicht vor 65 Millionen Jahren eine auf den Deckel bekommen hätten, gäbe es jetzt vielleicht intelligente (und auch dumme, siehe Text) Echsen. Ich bin mal implizit davon ausgegangen, dass Probleme im Umfeld „Schule“ unabhängig von der Daseinsform sind 😊
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