Das Ende der Welt

»Komm mal her, mein Kind.«

Normalerweise mag ich es gar nicht, Kind genannt zu werden. Das hat mich schon gestört, als es altersmäßig zutreffender war als jetzt. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass mein Körper relativ früh beschlossen hat, dass es jetzt genug sei mit dem Wachsen. Aber die Vermieterin, eine alte Frau, die einen Kopf kleiner und gefühlt drei Mal so als ist wie ich, hat meine unausgesprochene Erlaubnis, mich so zu nennen. Sie meint das nicht abwertend oder böse. In Ihren Augen bin ich vermutlich noch fast ein Kind.

»Pack mal mit an. Der Tisch muss da hinüber in den Schuppen.«

Gemeinsam tragen wir den kleinen Gartentisch dort hinein, anschließend die Stühle. Die alte Frau wirkt alt und gebrechlich, ist aber kräftig und zäh.

»Für morgen ist Sturm angekündigt.«

Bei dem Wort Sturm verkrampfe ich innerlich. Regen macht mir nichts aus, ein Gewitter … naja, erlebe ich lieber mit einem sicheren Dach über dem Kopf als in der freien Natur, aber mit Stürmen habe ich schlechte Erfahrungen.

Als Kind war ich mit Mama, Papa und meiner kleinen Schwester oft beim Zelten. Wir Mädels fanden es immer spannend, in einem Zelt schlafen zu dürfen. Papa wohl auch. Mama hatte eine Abneigung gegen alles, was mehr als zwei Beine hat, und ekelte sich vor jedem Käfer und jeder Spinne, die sich ins Zelt verirrt hatte. Dann musste Papa ran, um das ›eklige Tier‹ (O-Ton Mama) nach draußen zu befördern, so weit weg wie nur möglich.

Eines Nachts kam ein starker Sturm auf. Ich hatte tief und fest geschlafen, aber eine Windböe riss wohl das Zelt um und schreckte mich aus dem Schlaf hoch. Um mich herum war alles dunkel, und meine kleine Schwester schrie wie am Spieß. Dazu kam das Heulen des Windes und das Knarren der Bäume. Die Zeltplane flatterte lautstark, und die plötzliche Enge machte mir Angst. Ich wollte dahin krabbeln, wo ich den Ausgang vermutete, aber irgendetwas hielt mich zurück. Im Nachhinein war es wohl der Reißverschluss vom Schlafsack, in dem sich meine damals noch langen Haare verfangen hatten. Vielleicht hatte sich auch meine Schwester panisch in meine Haare gekrallt. In dem Moment fühlte es sich an, als hätte mich ein Monster am Schopf gepackt, um mich zu verschlingen oder zu erdrücken oder hoch in die Luft zu schleudern oder was auch immer große Monster mit einem wehrlosen Kind anzustellen pflegen. Ich kann mich an das Weitere nicht mehr erinnern, aber Mama sagte mir später, dass ich fast eine halbe Stunde lang auf ihrem Schoß geschrien hätte, während Papa das Zelt wieder in Ordnung brachte.

So viel zum Thema Sturm. Als Erwachsene weiß ich, dass ein Sturm kein Monster ist und ein gemauertes Haus kein Zelt, aber wenn der Wind so stark wird, dass man ihn heulen hört und Bäume leise ächzen, spüre ich einen Anflug von Panik in mir aufsteigen.

»Ein Sturm?«

Die Vermieterin weiß nichts von meinem Kindheitstrauma und erzählt munter drauflos.

»Ja, mein Kind, ein richtiger Orkan. Am Nachmittag. Hoffentlich lässt er diesmal das Dach in Ruhe. Damals – wann war das? Das ist bestimmt schon dreißig Jahre her, da hast du noch gar nicht gelebt, da hat ein Sturm das Dach halb abgedeckt. Die Feuerwehr ist gekommen und hat …«

Ich höre nicht mehr zu, denn ich wohne im zweiten Stock. In der Dachwohnung. Fieberhaft überlege ich, ob es eine Möglichkeit gibt, morgen irgendwo anders zu sein, aber ich muss arbeiten. Krank melden? Aber wo soll ich dann hin?

Zurück in meiner Wohnung zücke ich mein Handy. Die Wetter-App meldet für morgen leichten Wind. Falscher Alarm? Vielleicht wird es doch gar nicht so schlimm.


Heute ist es so weit. Heute ist der Tag. Die Sonne scheint. Die Wetter-App hat ihre Meinung immer noch nicht geändert. Ein Wolkenband scheint am Nachmittag über uns hinweg zu ziehen, viel Regen, Wind bis 5 km/h. Das wäre ein laues Lüftchen. Ich klammere mich krampfhaft an den Gedanken, dass die Vermieterin den falschen Wetterbericht aufgeschnappt hat. Vielleicht den von Florida?

In der Arbeit bin ich unkonzentriert, weil ich ständig an den Sturm denken muss. Der Sturm ist das Thema, und irgendwann will ich gar nicht mehr in die Kaffeeküche gehen, weil da mit Sicherheit jemand an der Kaffeemaschine steht und davon spricht. Dass man übers Wetter quatscht, ist völlig okay, wenn es sich um schönes oder meinetwegen auch Mistwetter handelt. Orkan klingt nach einem Lebewesen, das Bäume entwurzelt und in der Mitte durchbeißt. Die Kollegen finden das aber eher belustigend bis spannend. Ich traue mich aber nicht, sie zu fragen, was ihre Wetter-App für den Nachmittag anzeigt.

Nun sitze ich in meiner Dachwohnung und warte. Auf das, was kommen wird. Ich habe mir eine Kerze und Streichhölzer bereit gelegt, falls wir einen Stromausfall haben. Außerdem einen Regenmantel. Den Weg zum Treppenhaus finde ich im Dunkeln, den Weg dorthin habe ich freigeräumt und sogar den Läufer beiseite geschafft. Keine Stolperfallen, Rettungsgasse freihalten! In den meisten Zimmern sind die Rollläden schon herunter gelassen, aber die beiden Dachfenster haben keine Rollos. Wenn nun ein abgerissener Ast genau auf so ein Fenster geschleudert wird … besser, ich halte Abstand. Ich will auch beim letzten Fenster die Rollläden schließen. Draußen wirbeln alte Zeitungen und Plastiktüten direkt an meinem Fenster vorbei. Die Bäume schwanken bedrohlich hin und her, scheinen sich im Boden festzukrallen. Ich wünsche ihnen von ganzem Herzen Standhaftigkeit. Ebenso den Dachziegeln. Haltet durch! Rührt euch nicht vom Fleck!

Der Himmel ist innerhalb kürzester Zeit dunkel geworden. Es fühlt sich an, als wäre es schon Abend. Vor zehn Minuten schien noch die Sonne, es war sommerlich warm. Die Wetter-App: bald Regen, kaum Wind. Ich klammere mich an den irrationalen Gedanken, dass die App recht hat und sich der Sturm legen wird – ja: legen muss! – weil er gar nicht da sein darf.

Unser Nachbar ist nur mit einer kurzen Hose bekleidet, wie immer, wenn die Sonne scheint. Unbekleidete Männer sind grundsätzlich okay, aber Attraktivität und unbedeckte Körperoberfläche scheinen immer im falschen Verhältnis zueinander zu stehen. Der Nachbar ist bestimmt zehn Jahre älter, dünn und blass, nur in der Mitte wölbt sich ein kleines Bäuchlein. Nicht hässlich, aber auch nichts, was ich mir gerne ansehe.

Genau dieser Nachbar kämpft nun mit dem aufblasbaren Pool, in dem seine Kinder immer planschen, wenn die Sonne scheint. Vermutlich hat auch er darauf gesetzt, dass die Wetter-App recht hat. Der Wind geht nun so heftig, dass die dünne, fast nackte Gestalt einen kurzen Moment vom Boden gehoben wird, bevor Gummihülle und Nachbar im Kellerabgang verschwinden. Fast habe ich damit gerechnet, dass der Wind ihn hoch wirbelt, bis hinauf zu den Dächern, an meinem Fenster vorbei.

Ein nackter Mann in Shorts. Der letzte Anblick, bevor die Welt untergeht. Das Allerletzte, quasi. Ich schließe das Rollo und kauere mich auf das Sofa, die Knie an mich gepresst. Das Prasseln schwerer Tropfen auf den Dachfenstern mischt sich nun unter das Heulen und Pfeifen. Die Wetter-App zeigt mir an, dass es bei immer noch leichtem Wind nun regnet.

3 Kommentare zu „Das Ende der Welt

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten