Herbstfahrt

Ich bin mehr als einmal mit Stephi mitgefahren. Das ist immer schlimm. Ich habe an anderer Stelle bereits ihren Redefluss erwähnt. Ihr zuzuhören und gleichzeitig die ganzen Eindrücke zu verarbeiten, die während der Fahrt auf mich einprasseln, bewirken eine immense Reizüberflutung.

Heute fahre ich mit R.

Ist denn schon heute?

Es ist noch dunkel draußen. Nacht. Also eigentlich gefühlt noch gestern.

In R.s Auto versuche ich, den Anschnallgurt und die Brüste so zu arrangieren, dass sie eine angenehme Position einnehmen. Mir fällt ein, dass die Gurtsysteme für die männliche Anatomie optimiert worden sind.

Ich versuche, nicht daran zu denken.

Sobald ich bequem sitze und alles verstaut habe, stellt sich ein seltsam angenehmes Gefühl ein. Sicherheit trifft es nicht. Geborgenheit? Schon eher. Vielleicht kombiniert mit einer Spur Vorfreude. Genau festmachen kann ich es nicht.

Schon auf Busfahrten mit der Schule war das so. Sobald der Rucksack im Fußraum platziert war und ich mich zwei oder drei Mal vergewissert hatte, dass ich den Geldbeutel auch wirklich dabei hatte, fühlte ich mich wie in einer kleinen Kabine, einem geschützten Bereich, in dem ich die Reise antreten konnte.

Das gleiche Gefühl hatte ich als Kind. Es war Sommer, und dunkle Gewitterwolken zogen auf. Wir hatten einen kleinen Klapptisch mit einer viel zu großen Tischdecke aus Plastik auf dem Balkon stehen. Ich kauerte unter dem Tisch, geschützt vor dem warmen Regen, und betrachtete den grauen Himmel, durch den die Blitze zuckten. Auch da hatte ich dieses Gefühl.

Mittlerweile bin ich erwachsen. Unwetter machen mir Angst. Auch davon habe ich an anderer Stelle berichtet.

Seltsam, oder?

Zur Sicherheit prüfe ich, ob Geldbeutel und Handy wirklich noch in der Jacke sind, die auf meinem Schoß liegt. Schlüssel? In der Hosentasche. Die Hose mit den Taschen!

Gut.

Ich glaube, ich bin eine schlechte Beifahrerin. Immer stelle ich mir vor, was alles passieren könnte. Ein Lastwagen, der uns die Vorfahrt nimmt. Ein Raser von hinten, der nicht mehr bremsen kann. Wir dazwischen, unentrinnbar gefangen.Ich habe eine lebhafte Fantasie, sagen sie immer.

Aber das macht es nicht besser.

Lesen kann ich nicht im Auto. Wenn ich längere Zeit auf ein Buch oder mein Handy schaue, wird mir schlecht. Schlafen kann ich auch nicht, denn ich befürchte, dass der Mensch auf dem Fahrersitz von meinen gleichmäßigen Atemzügen eingelullt wird und mir ins Reich der Träume folgt.

Also schaue ich aus dem Fenster. Wir fahren an vereinzelten erleuchteten Fenstern vorbei. Ab und zu kommt uns ein paar Scheinwerfer entgegen.

R. kann schweigen. Sehr lange. So lange, dass ich mich immer wieder mit einem kurzen Seitenblick vergewissere, dass R. noch wach ist. Soll ich ein Gespräch beginnen? Aber vielleicht lenkt das erst recht ab.

Stephi redet immer, da muss ich kein Gespräch beginnen. Dadurch ist sie manchmal unkonzentriert und schimpft dann über andere Verkehrsteilnehmer, die sie übersehen und denen sie die Vorfahrt genommen hat. Ich muss mich während dieser Fahrt in den Sitz krallen. Einmal hatte ich am nächsten Tag Muskelkater in den Unterarmen.

Ganz langsam wird es heller. Nebel hängt in den Senken, und ich stelle mir vor, welche wilden Tiere dort leben. Falls die Autobahn wegen einer globalen Katastrophe gesperrt werden sollte, müssten wir uns eventuell durch diese Nebelfelder zur nächsten Stadt durchschlagen, und würden dann von Mardern und Füchsen eingekreist.

Gibt es hier eigentlich Bären?

Schon seltsam: das Tierreich teilt sich auf in tagaktive und nachtaktive Lebewesen. Wir Menschen sind tagaktiv, denn die Nacht ist dunkel. Man sieht nichts, und es lauern nachtaktive Tiere in der Dunkelheit. Gefährliche Tiere. Jeder weiß das.

Trotzdem drängt sich der Mensch immer mehr in die dunkle Zeit. Fährt mit dem Auto durch die Nacht. Beleuchtet Städte. Muss nachts arbeiten. Oder zur Arbeit gehen.

Bei uns in der Straße war mal eine Laterne defekt. Ich habe dann immer die Luft angehalten und versucht, möglichst schnell in den nächsten Lichtkegel zu kommen, ohne durch hektische Bewegungen zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Raubtiere spüren, wenn das Opfer Angst hat. Und wenn ich zu laut atme, hört mich das Tier, aber ich höre nicht, wenn sich jemand anschleicht. Ein Tier. Oder ein Mensch.

R. scheint keine Angst zu haben und überblickt mit wachen Augen den Verkehr, der immer dichter wird. Der Berufsverkehr rollt langsam an.

Ich würde meine Gedanken gerne mit R. teilen, aber R. blickt konzentriert auf die Fahrbahn. Ein Gespräch lenkt da sicher nur ab. Andererseits könnte es Müdigkeit vertreiben. Sekundenschlaf ist sehr gefährlich.

Wie lange sind wir eigentlich schon unterwegs?

Habe ich schon erwähnt, dass ich eine schlechte Beifahrerin bin?

3 Kommentare zu „Herbstfahrt

  1. Solange der Fahrer nichts von deinen Gedanken weiß, bist du keine schlechte Beifahrerin! Während du schweigend deinen inneren Kampf ausfechtest, freut sich der Fahrer vermutlich über die angenehm ruhige Beifahrerin.

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