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Nachtschattengewächs

Er griff zur Rotweinflasche, aber die war leer. Hatte er sie komplett ausgetrunken? Ein Blick auf den Bildschirm: 23:42 Uhr. Die letzten zweieinhalb Stunden hatte er damit verbracht, irgendwelchen Querverweisen auf Wikipedia zu folgen, und dabei wohl immer wieder fleißig nachgeschenkt. Morgen war zum Glück Samstag, da konnte er ausschlafen.

An den eigentlichen Grund, Wikipedia geöffnet zu haben, und den Startpunkt seiner Odyssee durch die unzähligen Artikel, daran konnte er sich nicht mehr erinnern. Auf dem Bildschirm war der Beitrag über Nachtschattengewächse geöffnet. Ein seltsamer Name für eine Pflanzengattung. Neben Tomaten gehörte auch die Engelstrompete dazu, die direkt vor seinem Fenster wuchs und eine stattliche Größe erreicht hatte. Nachtschatten – nachts ist alles dunkel, wo sollte da ein Schatten herkommen, wenn nicht …

Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprang er auf. Keine gute Idee, so schnelle Bewegungen in dem Zustand. Er hielt sich am Stuhl fest und blickte aus dem Fenster. Der Mond stand am Himmel, nicht ganz voll, aber in der wolkenlosen Nacht hell genug, um einen Schatten zu produzieren. Vorsichtig ging er zum Lichtschalter und knipste das Licht aus. Tatsächlich! Der Schatten der Pflanze war auf dem Boden des Zimmers zu erkennen. Das Muster des Teppichs verhinderte aber, dass man klare Konturen sehen konnte. Eine Leinwand musste her, irgendeine glatte, weiße Fläche.

Ihm fiel ein, dass der kleine, alte Küchentisch mit weißem Resopal bezogen war. An einer Stelle war die Oberfläche verfärbt, weil er einmal einen zu heißen Topf darauf gestellt hatte, aber das sollte kein grundsätzliches Problem darstellen.

Auf dem Weg zur Küche wurde der Wein auch in den Beinen spürbar, und beim Versuch, den Tisch anzuheben, rutschte ein Teller herunter und zersprang auf dem Boden. Den hatte er wohl vergessen und nach dem Abendessen nicht gleich gespült. Egal. Die Scherben konnte er auch später aufräumen, jetzt wollte er erst einmal seine Idee überprüfen.

Die Tischbeine stellten ein ernstzunehmendes Hindernis dar, um ins Wohnzimmer zu kommen, aber nach einigen Versuchen hatte er den Dreh heraus und den Tisch so auf den Boden gestellt, dass die weiße Tischplatte zum Fenster zeigte. Auf dem weißen Rechteck tanzten die Schatten der Engelstrompete. Sehr schön. Gebannt blickte er auf die sich langsam wiegenden Formen. Draußen wehte ein schwacher, lauer Sommerwind, der die Stängel, Blätter und Blütenkelche rhythmisch schaukeln ließ.

Doch was war das? Ein Teil der Schattenfigur schien unabhängig von den Pflanzenteilen in erratischen Mustern über die Tischplatte zu gleiten. Ein Tier? Er blickte nach draußen zur Engelstrompete, sah dort aber nichts, was diese Bewegung verursachen könnte. War das – ein Nachtschatten? Er drehte sich langsam zum Tisch und hielt die Hand so ans Fenster, dass deren Schatten einen deformierten Hund bildete. Der tanzende Fleck schien davor zurückzuweichen. Klar, als Schatten hätte ich vermutlich auch vor einem Schattenhund Angst, der plötzlich auftaucht, dachte er sich. Deshalb ging er so leise wie möglich zur Tischplatte. Können Schatten hören? Sicher ist sicher. Behutsam legte er seine Hand auf das Resopal. Es fühlte sich kühl an. Der schwarze Schemen schien innezuhalten, zu zögern, abzuwarten. Er bewegte sich nicht.

Hatte er sich getäuscht? Seine Hand würde bald anfangen zu kribbeln, weil er sie in einem unnatürlichen Winkel gegen die Tischplatte drückte. Da war wieder eine vorsichtige, sachte Bewegung. Ein schwarzer Umriss löste sich langsam aus dem Nachtschattengewächs und glitt auf seine Hand zu, erreichte sie – und schlüpfte vorsichtig auf sie. Unglaublich! Da, wo der Schatten die Hand bedeckte, fühlte es sich seltsam an. Nicht unangenehm, eher kalt und irgendwie rau. Als ob Tausende von kleinen kalten Füßen seine Haut berührten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit zog er die Hand ganz vorsichtig von der Platte zurück, und der Schatten blieb ruhig dort sitzen. Na so was! Er hatte einen zutraulichen Nachtschatten!


Am nächsten Tag erwachte er mit einem flauen Gefühl im Bauch und einem Kopfschmerz, der den Schädel von innen zu sprengen schien. Er erinnerte sich an die Flasche Rotwein. In seltenen Fällen bekam er Migräne davon, und da reichte dann schon ein kleines Glas als Auslöser. Heute war wohl einer dieser Tage. Und es war eine ganze Flache gewesen. Vielleicht würde ein Schluck Wasser helfen?

Als er in die Küche kam, fehlte der Küchentisch. Auf dem Boden lagen Scherben. Was war hier los? Ach ja, er hatte den Tisch ins Wohnzimmer getragen. Aber warum?

Er trank einen Schluck Wasser, und der Magen rebellierte sofort. Die Kloschüssel erreichter er gerade noch rechtzeitig, und als sich die weiße Keramik rot färbte, musste er an den englischen Ausdruck technicolor yawn denken, buntes Gähnen, das den eben erlebten Vorgang nahezu perfekt beschrieb. Zum Lachen war ihm allerdings nicht zumute, denn durch den Druck beim Würgen schien der Kopf nun kurz vorm Bersten zu sein. Vor seinen Augen tanzten farbige Lichter. Er drehte sich zur Seite und lehnte sich an die kalte Fliesenwand. Was war gestern alles passiert? Warum hatte er den Tisch ins Wohnzimmer getragen? Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Er hatte den Tisch als Leinwand benutzt – für einen Schatten. Einen Nachtschatten, genau! Aber war das Erlebnis tatsächlich passiert, oder hatte ihm der Alkohol einen Streich gespielt?

Der Magen bäumte sich erneut auf, und die Flecken vor den Augen wurden intensiver. Aber halt – war da nicht ein schwarzer Umriss sichtbar, in der gegenüberliegenden Ecke? Er lächelte – und drehte sich dann schleunigst wieder zur Kloschüssel.

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6 Kommentare zu „Nachtschattengewächs

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