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Die Meerjungfrau

Ein kleines Mädchen, noch jung an Jahren
mit Sommerhut und roten Haaren
war mit seinen Eltern am Strand.
Es schien die Sonne, es wehte der Wind
und so spazierte das kleine Kind
mit Mutter und Vater an der Hand.

Die Eltern schlendern am Strand entlang,
genießen der Wellen beruhigenden Klang,
dem Mädchen wird das zu fad.
Es will schöne Steine und Muscheln entdecken,
die sich unter all dem Seetang verstecken,
hier auf dem sandigen Pfad.

So bittet das Mädchen flehentlich:
»Oh, Mama, Papa, bitte darf ich
allein im Sand laufen und flitzen?«
»Du darfst allein ein Stück weiter gehen
aber nur so weit, dass wir dich noch sehen!
Wir bleiben einstweilen hier sitzen.«

Ein Küsschen zum Abschied – dann los!
Am Meer ist es wirklich famos.
Es hört die Eltern noch hinter sich lachen.
So laufen und springen die Beine,
finden sich hübsche glatte Steine,
und unzählig viele andere Sachen.

Plötzlich bläst der Wind
und reißt den Hut vom Kind
wirbelnd in die Höh‘.
Er tanzt den Strand entlang,
dem Mädchen wird ganz bang:
mein hübscher Hut, oh weh!

Mein schöner Sonnenschutz,
kullert durch den Schmutz
und wird ganz voller Sand!
Fliegt er gar ins Meer,
dann krieg ich ihn nie mehr,
das wäre allerhand!

Die Eltern haben die Sonne genossen,
im wärmenden Licht die Augen geschlossen
und sehen nicht, was sich da tut.
Das Mädchen, das springt auf
und will in schnellem Lauf
jagen und fangen den Hut.

Hinter einem großen Stein
lässt der Hut das Purzeln sein,
liegt still da und rührt sich nicht.
Das Mädchen hebt das Hütchen auf,
klopft ab den Sand und setzt es auf.
Der Felsbrocken verdeckt die Sicht.

Die Eltern man von hier nicht sieht,
weil sich das Mädchen hingekniet.
Nun möchte es sich sputen.
Da plätschert es. Wo kommt das her?
Das Mädchen dreht sich um zum Meer,
da teilen sich die Fluten.

Und aus dem Wasser, tief und kalt
erhebt sich langsam die Gestalt.
Das Mädchen starrt, die Augen weit.
Auf den ersten Blick genau
sieht sie aus wie eine Frau
trägt Schuppen nur statt einem Kleid.

Das Mädchen kriegt ’nen Riesenschreck
es springt schnell auf, fast läuft es weg.
Die Haare schwarz, die Haut grün-grau,
mit einem Lächeln im Gesicht:
»Hab keine Angst, fürchte dich nicht!«,
spricht ganz sanft die Meerjungfrau.

»Ich tu dir nichts, alles ist gut!«
Das Mädchen fasst sich neuen Mut
und ist ganz fasziniert.
Das Schuppenkleid, ganz zart und weich
schaut einem Regenbogen gleich,
schillert und changiert.

»Komm, ich zeig dir einen Schatz,
warte hier auf diesem Platz«,
sagt sie, taucht und kommt zurück.
Mit schönen Muscheln, funkelnden Steinen
und einem Seestern mit fünf Beinen.
Das Mädchen lächelt voller Glück.

»Diese Dinge schenk ich dir,
bleib doch hier und spiel mit mir!«
Das ist schnell beschlossen.
Ist die Haut auch fahl und grau,
hat sie diese Zauberfrau
längst in ihr Herz geschlossen.

Welch ein Spaß! Mit Lachen, Singen,
Muschelschalen, Glitzerdingen,
hinterm Felsen, ganz geheim.
Alles ringsum ist vergessen,
plötzlich schallt es: »Abendessen!
Wo bist du? Wir gehen heim!«

»Ach, o je, ich muss jetzt gehen,
Vielen Dank! Auf Wiedersehen!
Heut‘ war so ein toller Tag!
Danke für den schönen Stern,
und ich würd‘ dich liebend gern
wiederseh’n, weil ich dich mag.«

Die Meerjungfrau sagt nichts, bleibt stumm,
und dreht sich zu dem Kind herum,
nickt nur freundlich, und zum Schluss
umarmt sie fest das Mädchen und
drückt ihr die Lippen auf den Mund,
gibt ihr einen dicken Kuss.

Der Kuss schmeckt wie ’ne Träne fast.
Das Mädchen läuft in großer Hast
zurück zum weiten Strand.
»Seht mal«, ruft sie, »was ich habe!«
Und voll Stolz zeigt sie die Gabe,
den Schatz in ihrer Hand.

»Ich war bei einer Meerjungfrau,
so lieb und schön, ich weiß es genau,
dort hinten bei dem großen Stein!«
Der Vater zwinkert die Mutter an,
die das auch nicht glauben kann –
das bildet sie sich doch nur ein!

Später, nach dem Abendessen
(Zähneputzen nicht vergessen!):
»Gute Nacht, mein kleiner Schatz!«
Im Regal gleich bei dem Bett
hat der Seestern auf dem Brett
oben seinen Ehrenplatz.

Doch sehr bald schon ist das Kind,
nicht mehr, wie sonst Kinder sind,
man hört es nicht mehr lachen.
Die Eltern rufen den Arzt herbei,
der’s untersucht, während die zwei
sich große Sorgen machen.

Denn singen, spielen, toben, lachen
Bilder malen, solche Sachen
es nicht mehr will.
Kein Lieblingsessen, das noch schmeckt
und ihre Lebensgeister weckt –
es liegt nur still.

Dem Mädchen fällt das Schlucken schwer,
drum will es auch kein Essen mehr.
Der Hals tut ihr so weh.
Die Haut an Fuß und Beinen juckt,
der Schuh wird lästig, denn er druckt,
an ihrem großen Zeh.

Das Mädchen wird immer blasser,
denn es trinkt nur noch Wasser.
Den Eltern fällt nun nichts mehr ein.
Am Hals sind rote Striemen,
die sehen aus wie Kiemen.
Der Arzt ist am Ende mit seinem Latein.

Draußen ist’s fast völlig dunkel,
fahler Mondschein, Sterngefunkel,
in dem Haus ist alles still.
Plötzlich wird das Mädchen wach,
geht zur Tür, obwohl so schwach,
weil sie muss, nicht, weil sie will.

Sie rafft sich auf, grad‘ dass sie’s schafft,
ganz blass und blutleer, ohne Kraft,
verblasst die Sommersprossen.
Die Schuhe sind ihr viel zu klein,
die Füße passen nicht mehr rein,
sind fast schon wie zwei Flossen.

Drum läuft sie barfuß bis zum Strand
im Mondlicht, weiß fast wie die Wand –
doch ihre Augen funkeln.
Der Weg dorthin fällt ihr so schwer,
doch sie will unbedingt zum Meer,
würd’s finden auch im Dunkeln.

Ganz vergessen hat das Kind,
wie’s heißt, wer seine Eltern sind,
doch keine Spur von Traurigkeit.
Die Krankheit ist wie weggewischt,
sie fühlt und schmeckt und hört die Gischt
sie rufend in der Dunkelheit.

Die Mutter hat noch in der Nacht
(als sie wie sonst die Runde macht)
das Bett leer vorgefunden.
Sie suchten nach ihr im ganzen Haus
und liefen in die Nacht hinaus.
Das Mädchen blieb verschwunden.

Das Bettchen blieb für immer leer,
es riecht ein bisschen wie am Meer,
in dem verlass’nen Zimmer.
Ein Seestern als Erinnerung,
an ihre Tochter, die so jung
verschwunden ist für immer.

Ein kleines Mädchen, noch jung an Jahren
mit buntem Kleid und blonden Haaren
spielte ganz allein am Strand.
Es schien die Sonne, es wehte der Wind,
es tanzte und sprang das kleine Kind
mit einer Muschel in der Hand.

Eine junge Meerjungfrau
mit rotem Haar, die Haut grün-grau,
steigt langsam aus dem Meer.
Blasse Erinnerung regt sich in ihr.
»Komm doch her und spiel mit mir!«
ruft sie das Kind zu sich her.


Das Beitragsbild von Gretel Lusky hat mich zu dem Gedicht inspiriert. Veröffentlicht wurde es in einem Instagram-Post am 10. Oktober 2019. (Mit freundlicher Erlaubnis von Gretel Lusky)

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