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Alphabetgeschichten: U

Ulrike hatte den Ordner aus dem Schrank geholt und blieb stehen. Tamina war so in die Auswertung vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, dass sie von ihr gemustert wurde. Ulrikes Blick blieb an dem Flaum im Nacken hängen, der unter der Haarabdeckung hervorlugte. Taminas kurze Locken verschwanden komplett unter der Haube.

Hier am Institut war die Hierarchie relativ flach gehalten, und obwohl sie, Ulrike, Taminas Vorgesetzte war, versuchte sie, mit den Mitarbeitern möglichst auf Augenhöhe zu kommunizieren. Solange das Team gut zusammenarbeitete, war es auch nicht notwendig, die übergeordnete Position groß herauszustreichen.

Ulrike versuchte auch, nicht den Eindruck zu erwecken, Tamina bevorzugt zu behandeln. Letzten Endes ist es immer ungünstig, Arbeit und Privatleben zu vermischen. Darüber hinaus wusste sie ja gar nicht, ob Tamina für eine Beziehung zu einer Frau aufgeschlossen wäre. Momentan war sie Single, so viel wusste Ulrike, aber der letzte Partner war ein Mann gewesen, und diese Beziehung war krachend gescheitert. Von daher standen die Vorzeichen nicht unbedingt ungünstig, es einmal mit einer Frau zu versuchen, statt auf den nächsten Mann zu warten.

Sie hatte schon überlegt, eine Versetzung in eine andere Abteilung zu beantragen, sofern sie und Tamina … aber für solche Spekulationen war es noch viel zu früh. Ulrike wandte den Blick ab und schloss leise die Tür zum Labor. Sie brauchte frische Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen. Auf Dauer konnte das so nicht weitergehen. Mit dem Ordner unter dem Arm – der mehr oder weniger Alibifunktion hatte, die notwendigen Daten bekam sie auch digital – ging sie hinaus in den Innenhof, der von drei Seiten vom Gebäude umgrenzt war und mit der offenen Seite zu einem ruhigen Ausläufer des Stadtparks ausgerichtet war.

In dem Bereich des Institutes war es still, und abgesehen von vereinzelten Mitarbeitern, die schnell eine Zigarette rauchten oder ein bisschen frische Luft brauchten, war hier selten jemand zu sehen. Die Luft war kühl, weil das Gebäude weite Schatten auf die Grünfläche warf. Ein paar Vögel waren zu hören. Ein Eichhörnchen lief zu einem Baum, blieb kurz stehen und eilte dann in Windeseile den Stamm hinauf und war in der dichten Laubkrone nicht mehr zu sehen.

Sie sah einen Mann, bestimmt zehn Jahre älter als sie, und sie vermutete, dass sie einen ähnlich verzweifelten Gesichtsausdruck hatte wie er, denn er war ihm im Gesicht abzulesen, dass er etwas auf dem Herzen hatte. Für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke, so schien es, und er nickte. Grüßend? Wissend? Mitfühlend? Sie nickte zurück. Es sollte ein unbestimmter Gruß sein, aber sie spürte, dass sie in dem Moment eine Entscheidung getroffen hatte. Was rein logisch betrachtet absoluter Blödsinn war. Der Mann konnte keine Gedanken lesen, und wie um Himmels willen sollte er wissen, dass sie sich in eine Mitarbeiterin verliebt hatte?

Wahrscheinlich war es sein angespannter Gesichtsausdruck gewesen, der in ihr diese Entscheidung ausgelöst hatte. Tamina würde über diesen Gedankengang vermutlich nur lachen. Ein helles, sympathisches Lachen. Langsam ging sie ins Gebäude zurück.


Der 21. Teil der Alphabetgeschichten. Beruf und Privatleben zu trennen, ist nicht immer einfach.

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