Mitteilsam

Ich habe lange mit mir gerungen, diesen Text zu schreiben.

Erstens begann alles wieder mit einem Mann und einem Rasenmäher, und das letzte Erlebnis mit dieser Kombination war sehr unerfreulich gewesen.

Zweitens: mache ich mit diesem Text nicht genau das Gleiche wie der Mann und behellige euch ungefragt mit meinen Geschichten? Andererseits: das geschriebene Wort schafft Distanz. Ihr könnt weiterlesen, euch die Geschichte für später aufheben oder einfach ignorieren. Wenn einen jemand direkt anspricht, gibt es gewisse Anstandsregeln, auch wenn die nicht für alle gelten mögen.

Drittens: eigentlich ist das Erlebte gar nicht so dramatisch, und vielleicht mache ich auch viel zu viel Aufhebens um eine Lappalie.

Im Kern geht es um Menschen, die voraussetzen, dass das, was sie erzählen, (a) in jedem Fall das Gegenüber interessiert, und dass es (b) unnötig ist, jemanden gedanklich ›abzuholen‹ – warum sollte der oder die andere denn nicht wissen, wovon dieser Mensch spricht?

Kommt euch das bekannt vor?

Im konkreten Fall war ich zu Fuß in einer fremden Stadt unterwegs uns spazierte durch eine Siedlung. Es war sonnig, und eine leichte Brise fächelte mir einen angenehmen Blütenduft zu. Ich schnupperte, um die Quelle dieses Duftes ausfindig zu machen, und hatte schließlich eine blühende Hecke aus Urheberin ausfindig gemacht.

Diese Hecke stand am Rand eines Gartens, in dem ein Mann Anfang Fünfzig gerade damit beschäftigt war, den Rasen zu mähen. Er erblickte mich, stoppte den Rasenmäher, fischte sein Handy am Kopfhörerkabel aus seiner Latzhose, tippte wild darauf herum und zog schließlich die Stöpsel aus seinen Ohren.

Ich deutete auf die Hecke.

»Die duftet gut!«

Mir war es zuwider, dass er sich wegen dieser Belanglosigkeit komplett entkabelte und seine Tätigkeit unterbrach.

Er ging gar nicht darauf ein und wedelte mit einem der Ohrstöpsel.

»Eigentlich mähe ich nicht so gerne, aber mit der richtigen Musik … Breaking Benjamin. We are not alone.«

Ich blickte reflexartig um mich und brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es sich wohl um den Namen einer Band handelte.

»Gitarren in Drop C. Das schiebt so richtig. Diese Kopfhörer hier –«, er wedelte mit dem Ohrstöpsel, »sind eigentlich zu schwach, aber zum Rasenmähen passt das schon. 32 Hertz packen die nicht, das tiefe C auf dem Bass. Aber richtig satte Riffs, coole Terzbässe.«

Er spreizte die Finger seiner linken Hand auf seltsame Weise.

»Harmonisch durchaus anspruchsvoll. Ich war auch mal Gitarrist in diversen Bands. Eine rote Ibanez. Mit Floyd Rose. Amtliches Setup.«

Terzbässe? Hatte Axl einen Bruder, der Floyd hieß? Ich sagte nichts und muss wohl recht erstaunt dabei ausgesehen haben.

»Da gibt es eine Stelle – Moment.«

Er tippte auf dem Display herum, steckte dann einen Stöpsel ins Ohr, tippte weiter, nahm dann den Ohrhörer heraus und hielt ihn in meine Richtung.

Wollte er wirklich, dass ich die vermutlich verschwitzten Teile in meine Ohren stecke? Abgesehen davon, dass mir diese Vorstellung unangenehme Assoziationen bescherte – ist das nicht auch ein gesundheitliches Risiko? Gab es nicht irgendeinen Kriminalfall, wo jemand durch Gift im Ohr umgebracht worden war? Aufgrund des letzten Erlebnisses mit rasenmähenden Männern überschlug sich mein Unterbewusstsein schier damit, mir mir möglichst abstrusen Ablebensfantasien den Rest an Sachlichkeit und Vernunft aus dem Kopf zu spülen.

Der Mann erkannte wohl an meinem Gesichtsausdruck, dass ich wenig gewillt war, mir seine Musik ins Ohr einzuführen.

»Erster Song auf dem Album. Ich muss aufpassen, dass ich nicht laut mitsinge. Die Nachbarn.«

Er deutete vage zu den umliegenden Häusern.

»Stone Sour ist auch genial zum Rasenmähen. Noch einen Halbton tiefer. Drop B. Die Gitarrensoli sind zum Teil heftig. Hab’s versucht. Come whatever may.«

»Come whatever may«, wiederholte ich mechanisch. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Eine Anspielung auf seine Art des Gitarrespielens?

Er nickte bekräftigend, als sei damit alles gesagt.

»Ich muss dann mal, hab dann später noch einen Termin beim Kurti.«

Klar. Wer auch immer das ist. Kurti. Bruder von Floyd. Gitarrist. Ehemaliges Bandmitglied. Ist mittlerweile Zahnarzt geworden. Ich fragte nicht nach.

Er verstöpselte sich wieder, tippte auf dem Handy herum, steckte es dann wieder in die Brusttasche, nickte mir freundlich zu und startete den Rasenmäher.

Langsam ging ich weiter. Mein Puls verlangsamte sich etwas. Ich atmete tief ein und aus, um mit der frischen Luft den Adrenalinpegel zu senken.

Was war das gerade eben gewesen? Sollte ich auch anfangen, wildfremden Menschen ungefragt zu erzählen, mit welchem Editor ich am liebsten meine Texte verfasse und welchen Tee ich dazu trinke?

Ein Schrei mischte sich unter das Surren des Motors. Es klang wie »Reborn«. Ich drehte mich nicht um, beschleunigte aber sicherheitshalber meinen Schritt.

Dichtversuch

Ich schrieb so gerne ein Gedicht!
Will Reimpaare finden
Sie sinnvoll verbinden
Zu kleinen Gedichten
Und großen Geschichten
Wo sich an den Enden
Die Zeilen stets reimen
Ich schrieb so gerne ein Gedicht
doch so einfach ist das nicht

Ich schrieb so gerne ein Gedicht!
Von Monstern und Rittern
Vor denen sie zittern
Von Blumen, Raketen
Und fernen Planeten
Vom Weltraum und Bäumen
Gespenstern und Träumen
Ich schrieb so gerne ein Gedicht
Doch ein Thema find’ ich nicht

Ich schrieb so gerne ein Gedicht!
Daktylische Zeilen
An Hebungen feilen
Das Versmaß fixieren
den Schwung nicht verlieren
Die Worte so wählen
dass sie im Rhythmus erzählen
Ich schrieb so gerne ein Gedicht
Manchmal klappt’s – und manchmal nicht.


Es war gar nicht so einfach, die „Fehler“ an die passende Stelle zu setzen, aber nachdem mir tatsächlich kein passendes Thema für ein „klassisches“ Gedicht einfällt (Die Meerjungfrau wurde vor fast fünf(!) Jahren veröffentlicht), entstand ein kürzerer, nicht ganz ernst gemeinter Beitrag.

Kopfschmerzen

Ich habe Kopfschmerzen. Ausgerechnet heute.

Das klingt so, als würde es an einem anderen Tag vielleicht besser passen. Wollen wir einen Termin vereinbaren? Das ist Quatsch. Aber heute treffe ich mich mit Stephi zum Frühstücken im Café. Ich hatte schon geschrieben, dass Stephi viel zu berichten hat, und es ist auch ohne Beeinträchtigungen nicht immer leicht, ihrem Redeschwall zu folgen.

Wobei das mit dem Termin gar nicht so weit hergeholt ist. Es ist die Art von Kopfschmerz, der Ereignissen vorausgeht, die Menschen mit zwei X-Chromosomen in der Regel einmal im Monat heimsuchen.

Um dennoch einigermaßen brauchbar in den Tag zu starten, mache ich mir daher ausnahmsweise eine Tasse Kaffee. Für solche Fälle steht eine Packung löslicher Kaffee ganz hinten im Teefach. Dass ich aus alter Gewohnheit meine große Teetasse genommen habe, merke ich erst, als ich das Pulver ins heiße Wasser schaufle. Naja, viel hilft viel.

Die große Tasse hat eigentlich nur den Vorteil, dass ich morgens mit einer Tasse Tee auskomme. Sie ist sehr schwer, und man muss sie mit beiden Händen halten, aber dafür ist sie noch zu heiß. Wenn ich einen übergroßen Wollpulli von meinem Partner hätte, dessen Ärmel die Hände fast verdecken, wäre es erträglich. Dann könnte ich mich mit der Tasse in den Händen anmutig ans Fenster stellen und meinen verträumten Blick schweifen lassen.

Aber ich habe keinen übergroßen Wollpulli. Und zur Zeit auch keinen Partner. Nur ein altes T-Shirt von einem Ex mit irgendeinem krakeligen Schriftzug drauf (seiner Lieblingsband, glaube ich), der sich vom vielen Waschen schon an manchen Stellen auflöst. Das nehme ich als Schlafanzug. Und in meiner Dachwohnung gibt es auch nicht viel, worüber man den Blick schweifen lassen könnte. Der Nachbar ist um diese Zeit nicht draußen, und auch der macht selten spannende Dinge, wenn nicht gerade ein Unwetter über uns hinwegzieht. Verträumt und Kopfschmerzen gehen auch nicht gut zusammen. Also sitze ich in einem ausgewaschenen Metal-Shirt am Küchentisch und rühre im Kaffee, damit er schneller Trinktemperatur erreicht. Dabei versuche ich, mit dem Löffel die Tasse nicht zu berühren, denn das Geräusch ist laut und unangenehm.

Zum Glück ist das Café nicht weit weg von der Wohnung, denn die frische Luft tut dem Kopf leider gar nicht gut. Kaum habe ich Platz am Tisch genommen, bekomme ich von Stephi die Nachricht, dass sie sich verspätet. Die Bedienung kommt. Ich bestelle einen Cappuccino. Vielleicht wirkt professionell gebrühter Kaffee besser als der lösliche.

Der Tisch, an dem ich sitze, kippelt ganz leicht. Ich suche nach etwas, das ich unterlegen kann, aber da ist nichts. Kein Taschentuch, kein Kassenbon im Geldbeutel. Ich könnte den Cappuccino zahlen, aber wenn ich dann sitzenbleibe, ist das auch seltsam. Kann man einen Gedanken falten und unter das Tischbein schieben?

Nun kommt Stephi. Wir umarmen uns, sie entschuldigt sich wortreich, und wir bestellen. Sie ordert das vegetarische Frühstück und einen großen Cappuccino. Gedankenlos sage ich »ich nehme das Gleiche«, und dann wird mir bewusst, dass ich dann gefühlt einen Liter Kaffee im Bauch haben werde. Aber die Bedienung ist schon weg, bevor ich noch korrigieren kann. Ab welcher Dosis ist Koffein tödlich?

Das Frühstück kommt. Ich habe den Eindruck, dass der Tisch nun stärker kippelt. Oder bilde ich mir das nur ein? Stephi erzählt den neuesten Klatsch und Tratsch und gestikuliert dabei wild mit den Händen. Wenn sie die dann wieder auf dem Tisch ablegt, kippt der wieder zurück.

Die Serviette ist benutzt, und mittlerweile glaube ich, dass die auch zu dünn wäre, um das Kippeln zu unterbinden. Wenn man das alles aufgeschrieben hätte, was Stephi gerade erzählt, dann könnte man die Blätter falten und unter das Bein stellen. Aber dann müsste sie noch viel mehr sprechen. Ob die Untertasse die richtige Höhe hat, wenn man sie umdreht?

Mein Blick schweift durch das Café. Wenn man den Tisch in Richtung Treppe stellt, könnte das zu kurze Bein auf der Stufe stehen, das könnte den Höhenunterschied ausgleichen. Aber dann kommt die Bedienung nicht mehr durch.

Mittlerweile macht mich die Gestikuliererei von Stephi nervös. Ich sehe im Geiste schon das Geschirr durch die Luft wirbeln, weil sie immer wieder energisch auf den Tisch klopft. Kleine Schälchen mit Honig und Marmelade fliegen dann durch den Raum, Gabeln bohren sich in Nachbartische. Aufruhr. Chaos.

»Was ist los mit dir?«, fragt Stephi plötzlich.

»Mir geht’s nicht so gut. Ich habe Kopfschmerzen.«

»Du Armes! Hast du schon was genommen? Bei mir hilft da immer Kaffee.«

Herbstfahrt

Ich bin mehr als einmal mit Stephi mitgefahren. Das ist immer schlimm. Ich habe an anderer Stelle bereits ihren Redefluss erwähnt. Ihr zuzuhören und gleichzeitig die ganzen Eindrücke zu verarbeiten, die während der Fahrt auf mich einprasseln, bewirken eine immense Reizüberflutung.

Heute fahre ich mit R.

Ist denn schon heute?

Es ist noch dunkel draußen. Nacht. Also eigentlich gefühlt noch gestern.

In R.s Auto versuche ich, den Anschnallgurt und die Brüste so zu arrangieren, dass sie eine angenehme Position einnehmen. Mir fällt ein, dass die Gurtsysteme für die männliche Anatomie optimiert worden sind.

Ich versuche, nicht daran zu denken.

Sobald ich bequem sitze und alles verstaut habe, stellt sich ein seltsam angenehmes Gefühl ein. Sicherheit trifft es nicht. Geborgenheit? Schon eher. Vielleicht kombiniert mit einer Spur Vorfreude. Genau festmachen kann ich es nicht.

Schon auf Busfahrten mit der Schule war das so. Sobald der Rucksack im Fußraum platziert war und ich mich zwei oder drei Mal vergewissert hatte, dass ich den Geldbeutel auch wirklich dabei hatte, fühlte ich mich wie in einer kleinen Kabine, einem geschützten Bereich, in dem ich die Reise antreten konnte.

Das gleiche Gefühl hatte ich als Kind. Es war Sommer, und dunkle Gewitterwolken zogen auf. Wir hatten einen kleinen Klapptisch mit einer viel zu großen Tischdecke aus Plastik auf dem Balkon stehen. Ich kauerte unter dem Tisch, geschützt vor dem warmen Regen, und betrachtete den grauen Himmel, durch den die Blitze zuckten. Auch da hatte ich dieses Gefühl.

Mittlerweile bin ich erwachsen. Unwetter machen mir Angst. Auch davon habe ich an anderer Stelle berichtet.

Seltsam, oder?

Zur Sicherheit prüfe ich, ob Geldbeutel und Handy wirklich noch in der Jacke sind, die auf meinem Schoß liegt. Schlüssel? In der Hosentasche. Die Hose mit den Taschen!

Gut.

Ich glaube, ich bin eine schlechte Beifahrerin. Immer stelle ich mir vor, was alles passieren könnte. Ein Lastwagen, der uns die Vorfahrt nimmt. Ein Raser von hinten, der nicht mehr bremsen kann. Wir dazwischen, unentrinnbar gefangen.Ich habe eine lebhafte Fantasie, sagen sie immer.

Aber das macht es nicht besser.

Lesen kann ich nicht im Auto. Wenn ich längere Zeit auf ein Buch oder mein Handy schaue, wird mir schlecht. Schlafen kann ich auch nicht, denn ich befürchte, dass der Mensch auf dem Fahrersitz von meinen gleichmäßigen Atemzügen eingelullt wird und mir ins Reich der Träume folgt.

Also schaue ich aus dem Fenster. Wir fahren an vereinzelten erleuchteten Fenstern vorbei. Ab und zu kommt uns ein paar Scheinwerfer entgegen.

R. kann schweigen. Sehr lange. So lange, dass ich mich immer wieder mit einem kurzen Seitenblick vergewissere, dass R. noch wach ist. Soll ich ein Gespräch beginnen? Aber vielleicht lenkt das erst recht ab.

Stephi redet immer, da muss ich kein Gespräch beginnen. Dadurch ist sie manchmal unkonzentriert und schimpft dann über andere Verkehrsteilnehmer, die sie übersehen und denen sie die Vorfahrt genommen hat. Ich muss mich während dieser Fahrt in den Sitz krallen. Einmal hatte ich am nächsten Tag Muskelkater in den Unterarmen.

Ganz langsam wird es heller. Nebel hängt in den Senken, und ich stelle mir vor, welche wilden Tiere dort leben. Falls die Autobahn wegen einer globalen Katastrophe gesperrt werden sollte, müssten wir uns eventuell durch diese Nebelfelder zur nächsten Stadt durchschlagen, und würden dann von Mardern und Füchsen eingekreist.

Gibt es hier eigentlich Bären?

Schon seltsam: das Tierreich teilt sich auf in tagaktive und nachtaktive Lebewesen. Wir Menschen sind tagaktiv, denn die Nacht ist dunkel. Man sieht nichts, und es lauern nachtaktive Tiere in der Dunkelheit. Gefährliche Tiere. Jeder weiß das.

Trotzdem drängt sich der Mensch immer mehr in die dunkle Zeit. Fährt mit dem Auto durch die Nacht. Beleuchtet Städte. Muss nachts arbeiten. Oder zur Arbeit gehen.

Bei uns in der Straße war mal eine Laterne defekt. Ich habe dann immer die Luft angehalten und versucht, möglichst schnell in den nächsten Lichtkegel zu kommen, ohne durch hektische Bewegungen zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Raubtiere spüren, wenn das Opfer Angst hat. Und wenn ich zu laut atme, hört mich das Tier, aber ich höre nicht, wenn sich jemand anschleicht. Ein Tier. Oder ein Mensch.

R. scheint keine Angst zu haben und überblickt mit wachen Augen den Verkehr, der immer dichter wird. Der Berufsverkehr rollt langsam an.

Ich würde meine Gedanken gerne mit R. teilen, aber R. blickt konzentriert auf die Fahrbahn. Ein Gespräch lenkt da sicher nur ab. Andererseits könnte es Müdigkeit vertreiben. Sekundenschlaf ist sehr gefährlich.

Wie lange sind wir eigentlich schon unterwegs?

Habe ich schon erwähnt, dass ich eine schlechte Beifahrerin bin?

Vollmond, den 27. Dezember 2023

Die Nacht leuchtet fahl
wie eine schwarze Frucht
in Vollmondschokolade getaucht

Die Landschaft
voll Reif
beleuchtet der Mond
vollreif
zeichnet mit seinem Licht
scharfe Schatten
in die formlose Nacht

Die Bäume strahlen
wohl weißlich
das Nachtleben spielt sich
wohlweislich
nicht ab im Mondrampenlicht
eher in den Schatten
einer frostkalten Nacht


Das Gedicht ist – fast fertig – irgendwo in den digitalen Untiefen hängengeblieben. Jetzt im Juni 2024 habe ich es wiederentdeckt und endlich fertiggestellt. Und obwohl die Temperaturen mittlerweile deutlich höher sind als damals, versetzen mich diese Zeilen sofort wieder zurück in diese kalte Vollmondnacht.

Frosch im Hals

Es gibt so viel zu sagen
Im Hals steckt ein Frosch
Worte fließen aufs Papier


Ich habe kürzlich darüber nachgedacht, warum ich mir als Avatar ausgerechnet die Frau mit der Kröte auf der Brust ausgesucht habe. Eine spontane Entscheidung, damals. Meine Haare sind etwas kürzer und dafür dunkler. Das Alter weicht von Jahr zu Jahr immer stärker ab. Trotzdem fühlt es sich richtig an, immer noch.

Vielleicht ist es die Nacktheit, die Schutzlosigkeit, die hier die Verbindung herstellt. Ein gesprochenes Wort kann nicht zurückgenommen werden. Ist die angesprochene Person durch meine Worte verletzt, kann ich mich entschuldigen. Ungeschehen machen kann ich es nicht.

Die Amphibie auf der Brust ist vielleicht die Kröte, die man schlucken muss. Wie stellt man einen Frosch im Hals bildlich dar?

Das geschriebene Wort kann gedreht und gewendet werden. Papier ist geduldig, aber nicht ewig. Der Blog als virtuelles Papier wird auch nicht in alle Ewigkeit fortbestehen. Es geht mir aber auch gar nicht darum, Worte für die Ewigkeit zu finden. Es ist der Prozess des Schreibens, der es für mich interessant macht. Das Spielen mit Worten. Das Ausarbeiten einer Idee. Prüfen. Verwerfen. Erneut versuchen. Vielleicht irgendwann zufrieden sein und entscheiden: jetzt ist es gut.

(Bildquelle: Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste)

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