Der Geschäftsmann

Es war an einem sonnigen Tag im Herbst. Ich war mit dem Auto auf dem Heimweg von der Arbeit. Was für ein Tag! Martha hatte mit ihrem Freund Schluss gemacht und war dementsprechend am Boden zerstört. Georg war so einfühlsam wie ein Ziegelstein und hatte seine immer gleiche Anmache zum Besten gegeben. Mich ließ er meistens in Ruhe, nachdem ich ihm einmal in aller Deutlichkeit meine Meinung gesagt hatte. Außer sein Hormonhaushalt war aus dem Gleichgewicht geraten. Dann stelzte er allem hinterher, was auch nur im Entferntesten weiblich wirkte, und ging auch mir wieder auf die Nerven. Heute allerdings wollte er Martha unbedingt von seinen Qualitäten überzeugen. Vollhonk.

Ich hatte befürchtet, der Tag würde nie enden, aber nun endlich: nach Hause! Die Sonne stand schon tief und brachte das Herbstlaub an den Bäumen zum Leuchten. Normalerweise fahre ich auf schnellstem Weg nach Hause und nehme deshalb die Autobahn, aber nicht an diesem Tag. Der Weg über die Landstraße dauert ein paar Minuten länger und führt durch den Wald. Im Winter eine Katastrophe, aber bei schönem Wetter einfach herrlich.

Auf den Straßen war wenig los. Erstaunlich, dass man mit dem Auto fahren kann, ohne viel nachdenken zu müssen. Der Kopf kann abschalten, und nach so einem bescheuerten Tag kommt man während der Fahrt schön langsam runter. Die Arbeit bleibt zurück, der Kopf wird frei, und wenn man daheim ankommt, sind die nervigen Erinnerungen schon fast verblasst. Ich war in Gedanken versunken und hätte deshalb fast den Mann übersehen, der hinter der Kurve am Fahrbahnrand stand und hektisch winkte.

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Maschinencafé

Diese Musik.

Diese seltsame Musik. Immer wieder.

Mal erklingt sie tagsüber, mal spät nachts. Das eine Mal vielleicht nur ein paar Sekunden lang, ein anderes Mal über viele Stunden.

Auf der Straße hört man sie nur ganz leise, und auch nur dann, wenn man direkt vor dem Café Pareil steht. Seit nunmehr fünf Jahren hängt in der Glastür der Hinweis, dass es geschlossen ist. Darunter ein QR-Code für Interessenten, die den Laden pachten wollen.

In der kleinen Stadt stehen einige Häuser leer. Das mit viel Tamtam angepriesene Regierungsprogramm zur Belebung der Kleinstädte hat hier draußen seinen Schwung verloren. Viel Geld ist versprochen und auch unter die Leute gebracht worden, mit unterschiedlichem Erfolg. Die meisten von denen, die irgendwelche Fördergelder zugeteilt bekommen haben, haben brav die Frist abgewartet, und sind dann doch in größere Städte gezogen. Der frühere Pächter und Betreiber des Cafés wäre vermutlich geblieben, aber er lebt nicht mehr, und nun steht das Gebäude verlassen da.

Bis auf die Musik.

Von innen sind die Scheiben mit blickdichten Bahnen abgeklebt worden, und unter dem Codefeld ist der kleingedruckte Hinweis auf die Putzroboter zu lesen, die das Gebäude instand halten. Ein Einbruch ist zwecklos, denn die fleißigen Helfer sind mit Kameras ausgestattet. Sie erkennen alles und jeden, der im Gebäude auftaucht, und schlagen sofort Alarm.

Die Musik kommt natürlich nicht von den Putzern. Die sind nur darauf bedacht, die Räume sauber zu halten. Staub wird beseitigt, Ungeziefer vernichtet. Heizung und Luftzirkulation sorgen dafür, dass keine Wände schimmeln. Wenn doch einmal ein Rohr undicht wird, werden andere Maschinen aktiviert, die auch das in den Griff bekommen. Hilfe von außen wird nur dann angefordert, wenn die Hütte brennt. Im übertragenen wie im wörtlichen Sinne.

Das Café ist ziemlich früh mit einem Dudler bestückt worden, der für die nötige Hintergrundmusik sorgt. Die Entwickler sind über diese saloppe Bezeichnung nicht sehr glücklich, aber die „amtliche“ Bezeichnung a²sg (für autonomous ambient sound generator) klingt auch nicht sehr griffig.

Auslöser für die Entwicklung der Dudler ist (wie fast immer) das liebe Geld gewesen. Für Musik aus dem Netz werden immer höhere Gebühren fällig, und Kneipenbesuchern ist das Gedudel im Grunde sowieso egal, daher ist vor dreizehn Jahren jemand auf die Idee gekommen, die Hintergrundbeschallung mit Algorithmen und KI zu erledigen.

Die ersten Resultate haben so langweilig geklungen, dass es sogar den Besuchern der Test-Lokalitäten aufgefallen ist, aber schon bald sind die Techniker auf die glorreiche Idee gekommen, über Mikrofone das Stimmengemurmel der Leute auszuwerten. Nicht auf sprachlicher Ebene ( das erledigen ja andere Gadgets sehr gewissenhaft), sondern nur, um die Stimmung der Leute einzufangen und die generierte Musik darauf abzustimmen.

Für den Kaffeeplausch der Damen passt eher dezente Klaviermusik, für den Cocktailabend vielleicht eher leichter Jazz. Sind nachts viele Leute drin und die Unterhaltung ist in vollem Gange, darf es durchaus so ähnlich klingen wie das, was in den Charts produziert wird (das meiste davon machen mittlerweile auch die Algorithmen, weil von Musik allein keiner mehr leben kann).

Die Geräte sind dann mit neuer, leistungsfähigerer Software und ein paar zusätzlichen Sensoren bestückt worden, und spätestens nach einem Monat hat jeder Dudler „seinen“ Sound kreiert. Jede Kneipe, jede Lounge-Bar, jedes Straßencafé hat seinen persönlichen Musikstil gefunden. Natürlich ist hier nicht Musikgeschichte geschrieben und ein neues Genre à la ›KI-Post-Lounge‹ (oder irgendein anderer nichtssagender Blödsinn) aus dem Boden gestampft worden, aber wenn man genau hinhört, kann man schon Unterschiede feststellen. Wenn es einen denn interessiert.

Spätestens seit dem Zeitpunkt haben sich die Dudler verkauft wie geschnitten Brot. Updates erscheinen sporadisch und sind bezahlbar, wenn man sie überhaupt einspielt. Meistens sind die Besitzer mit dem Sound ja zufrieden. Hauptsache, man muss der Musikindustrie kein Geld mehr in den Rachen werfen.

Das hat den Musikkonzernen nicht gepasst, und sie haben versucht, per Gericht auch Abgaben für die Dudler einzukassieren. Immerhin sei das ja auch Musik, so das Argument. Und nachdem sowieso immer mehr Musik per Computer generiert wird, sei es ja sowieso nicht mehr notwendig, einen (menschlichen) Komponisten vorzuweisen, der daran verdient.

Das Gericht ist anderer Meinung gewesen, und die Entwickler der Dudler haben ja wohlweislich den Begriff „Musik“ in der Bezeichnung weggelassen. Es handle sich in dem vorliegenden Fall nicht um Musik, sondern um in Echtzeit generierte Soundcollagen („ambient sound“), die nur abhängig von den Umgebungsparametern und damit quasi nicht reproduzierbar seien – somit handle es sich also nicht um Musik. Zähneknirschend hat die Musikindustrie diese Kröte schlucken müssen.

Dann haben sie den Betreiber tot in seiner Wohnung gefunden. Herzinfarkt. Das Gerücht, dass irgendwelche Drogen im Spiel gewesen seien, hat die Runde gemacht. Das Café ist gründlich durchsucht und dann erst mal dicht gemacht worden.

Man ist davon ausgegangen, dass es nicht lange dauern würde, bis ein neuer Pächter sein Glück versucht. Daher ist ein Lieferwagen mit einer Kolonne von Putzern vorgefahren, die ins Gebäude gesteckt worden sind. Die Fenster sind zugeklebt, der Hinweis an die Tür gehängt und dann zugesperrt worden. Wasser und Strom bleiben natürlich an, damit die Putzer fleißig ihrer Bestimmung nachkommen können, und somit hängt auch der Dudler noch am elektrischen Tropf.

Über ein Jahr lang hat Stille geherrscht. Wenn keine Leute da sind, braucht es ja auch keine automatisch generierte Ambient-Musik. Dann, vor gut dreieinhalb Jahren, hat man sie plötzlich wieder hören können.

Die Musik.

Zuerst ist es genau das gewesen, was immer im Café gelaufen ist, und daher hat es ein bisschen altmodisch gewirkt. Die Sounds und Klänge verändern sich ständig, die Kaffeeplauschmusik klingt ja auch schon lange nicht mehr wie ein echtes Klavier, denn natürlich passen sich auch die Sounds der Stimmung an. Melodie, Bass und Rhythmus sind keine getrennten Register und Aufgabenbereiche einzelner „Instrumente“ (diese Bezeichnung ist auch schon überholt). Jeder Sound übernimmt mehrere Funktionen, daher wirkt der Sound, den die Dudler erzeugen, tatsächlich recht dynamisch.

Dann wieder Stille.

Die Nachbarn, die das mitbekommen haben, haben zuerst geglaubt, das Café wäre wieder eröffnet worden, dann eine Fehlfunktion vermutet, aber keiner hat sich die Mühe gemacht, das Immobilienkonsortium zu informieren, das das Haus verwaltet.

Zwei Tage später: wieder Musik.

Diesmal hat es sich schon ein wenig anders angehört. Außerdem ist die Musik nur ein paar Minuten lang zu hören gewesen.

Dann wieder Stille.

Ein besonders hellhöriger Nachbar hat daraufhin bei dem Konsortium nachgefragt, was da los sei. Man hat die Aufzeichnungen der Putzer geprüft, aber abgesehen von der Musik war nichts registriert worden. Keine Störungen, keine Eindringlinge. Alles wie immer.

Zwei Wochen lang ist nichts mehr passiert, und die meisten hatten den Vorfall bereits vergessen.

Dann wieder Musik.

Diesmal weder altmodisch, noch modern, sondern anders. Durch die Wände und die Tür dringen leise Klänge, die nichts mit dem zu tun haben, was man derzeit irgendwo an Musik zu hören bekommt.

Und es ist nicht bei dem einen Mal geblieben. Man hat versucht, irgendeine Regelmäßigkeit, ein Muster dafür zu finden, wann die Musik einsetzt und wie lange sie klingt. Bislang leider vergeblich.

Man hat dann noch mal die Hausverwaltung kontaktiert, aber die redete sich raus. Strom abdrehen geht nicht, und von außen kann man sich in den Dudler nicht einloggen, um ihn zum Schweigen zu bringen, weil der damalige Pächter tatsächlich ganz brav die Ports seiner Geräte mit einem Passwort geschützt hat, damit sich keiner von außen in seine Kaffeemaschine hackt und sie für irgendwelche Angriffe im Internet missbraucht.

Weil der frühere Besitzer leider verstorben ist, müsste jemand vorbeikommen, der den Dudler vor Ort abklemmt. Das Immobilienkonsortium ist der Meinung, das sei nicht ihr Problem, daher müssten die Anwohner die Kosten für den Techniker übernehmen, sofern es sie denn stören würde.

Die im Kostenvoranschlag bezifferte Summe hat schlagartig die Gemütslage der Nachbarn verändert. So schlimm sei das Ganze ja gar nicht, da erstens nicht sehr oft, zweitens nicht sehr laut, und drittens auch irgendwie interessant.

Seit dieser Zeit ist Ruhe eingekehrt. Immer mal wieder hört man seltsame Klänge, die durch die Wände und die Tür filtern.

Vielleicht haben die Putzer was zu feiern. Oder sie hören einfach gern Musik, wenn sie nach Feierabend an der Ladebuchse andocken.

Ob ein paar von ihnen dazu tanzen?

Kreislauf

der Mensch wie ein Kind
unschuldig und neugierig
will alles versuchen
und das Versuchen
ist die Quelle
der Erkenntnis


der Mensch wie ein Mensch
groß und stark
will alles verstehen

doch mit dem Verstehen
kommt das Wissen
kommt die Fülle
kommt die Verantwortung
belastend
und schier
erdrückend

und das Verstehen
ist die Quelle
der Mühsal


Der Mensch wie ein Greis
gebeugt und müde
will alles vergessen
und das Vergessen
ist die Quelle
der Unschuld

Über mich

Mein Name ist Ysé Pidot. Der Vorname kommt aus Japan, der Nachname aus Frankreich.

Als kleines Kind schon haben mich Geschichten, Lieder und Gedichte fasziniert. Aufsätze und Erlebniserzählungen waren ein Highlight für mich. Der Umgang mit Sprache hatte für mich immer etwas Spielerisches, auch wenn es eine Hausaufgabe für die Schule war. Sogar Gedichtanalysen konnte ich etwas abgewinnen – wobei die Pubertät zugegebenermaßen hin und wieder dazwischengefunkt hat. Eine Musterschülerin war ich sicher nicht immer, aber Sprachen hatten es mir angetan.

Rückblickend verklärt man sicher viele Kindheitserlebnisse, aber ich bin davon überzeugt, dass die Sprachverliebtheit durch meine Eltern nicht unbedingt ausgelöst oder vererbt, aber zumindest sehr stark gefördert wurde. Gute-Nacht-Geschichten und Regale voller Bücher sind zumindest ein guter Ausgangspunkt dafür.

Charles-Louis de Secondat, Baron de Montesquieu (1689-1755) hat einmal gesagt: „Gern lesen heißt, die einem im Leben zugeteilten Stunden der Langeweile gegen solche des Entzückens einzutauschen.“ Und Langeweile erfährt man als Kind zwangsläufig immer wieder. Wie gut, dass ich gerne gelesen habe und immer genug „Lesestoff“ im Haus meiner Eltern vorhanden war!

Hier kommt mit dem Lesen auch die Kreativität ins Spiel. Das Gelesene beginnt im Kopf ein Eigenleben zu führen, es entstehen Bilder im Kopf, Geschichten von Orten, die es nur in der Phantasie gibt, und von Personen, die nur man selbst kennt. Und hieraus entwickelt sich mein zweiter Ansatzpunkt: der Mensch. Auch wenn es die Personen in meinen Geschichten gar nicht wirklich gibt, baue ich eine Verbindung zu ihnen auf. Ich will wissen, was sie in dem Moment empfinden, in dem ich meine Geschichte auf sie „loslasse“. Dann höre ich zu, was mir meine Protagonisten erzählen, beobachte sie in den von mir erdachten Szenarien und lasse sie ihre Geschichten erleben.

Oft werde ich gefragt, warum in meinen Geschichten und Gedichte immer eine Traurigkeit, manchmal auch Schwermut und sogar Hoffnungslosigkeit mitschwingt. Darauf habe ich ehrlich gesagt keine Antwort. Ich glaube aber, dass hier ein Vergleich mit der Schauspielerei ganz passend ist: die meisten Schauspieler behaupten, es sei viel interessanter, einen dunklen Charakter, einen „Bösewicht“ zu spielen. Und sobald die Geschichte etwas verschroben und zwiespältig wird, entstehen fast automatisch dunklere Zwischentöne.

Hier in diesem Blog will ich nun meine bisher erdachten Geschichten und Gedichte veröffentlichen, aber auch Fundstücke aus dem Netz. Ideen, als denen vielleicht einmal eine Geschichte werden kann – vielleicht auch nicht.

Liebe Leserin, lieber Leser, ich wünsche Dir viel Spaß auf diesen Seiten!

Ysé Pidot

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