Frosch im Hals

Es gibt so viel zu sagen
Im Hals steckt ein Frosch
Worte fließen aufs Papier


Ich habe kürzlich darüber nachgedacht, warum ich mir als Avatar ausgerechnet die Frau mit der Kröte auf der Brust ausgesucht habe. Eine spontane Entscheidung, damals. Meine Haare sind etwas kürzer und dafür dunkler. Das Alter weicht von Jahr zu Jahr immer stärker ab. Trotzdem fühlt es sich richtig an, immer noch.

Vielleicht ist es die Nacktheit, die Schutzlosigkeit, die hier die Verbindung herstellt. Ein gesprochenes Wort kann nicht zurückgenommen werden. Ist die angesprochene Person durch meine Worte verletzt, kann ich mich entschuldigen. Ungeschehen machen kann ich es nicht.

Die Amphibie auf der Brust ist vielleicht die Kröte, die man schlucken muss. Wie stellt man einen Frosch im Hals bildlich dar?

Das geschriebene Wort kann gedreht und gewendet werden. Papier ist geduldig, aber nicht ewig. Der Blog als virtuelles Papier wird auch nicht in alle Ewigkeit fortbestehen. Es geht mir aber auch gar nicht darum, Worte für die Ewigkeit zu finden. Es ist der Prozess des Schreibens, der es für mich interessant macht. Das Spielen mit Worten. Das Ausarbeiten einer Idee. Prüfen. Verwerfen. Erneut versuchen. Vielleicht irgendwann zufrieden sein und entscheiden: jetzt ist es gut.

(Bildquelle: Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste)

leere/ich

leereich

bin ich von allen menschen
und guten geistern
um mich herum
verlassen
so habe ich
immer noch mich

wenn alle menschen
und schöne dinge
um mich herum
verschwinden
so habe ich
immer noch mich

habe ich alle menschen
und bezüge
um mich herum
verloren
so habe ich
mich selbst verloren
gibt es
nur noch
leere


Leider lässt sich im Titel keine Formatierung hinterlegen, der daher wie ein Schreibfehler wirkt.

Ein neuer Tag

Unsanft werde ich wach, weil ein neuer Tag seine tönenden Tentakel in mein Ohr steckt.

Weckern.
Straßenlärmig.
Vogelzwitschrig.

Wach auf! Wir haben Helligkeit. Wir haben Wetter! jubelt er.

Langsam, brumme ich.

Ich tapse ins Bad. Der neue Tag wuselt um mich herum. Seine Tentakel stupsen mich an Armen und Beinen, wie ein übermütiger junger Hund mit feuchter Schnauze.

Morgenluftig.
Kaltfliesig.
Klobrillenklamm.

Lass uns loslegen! Wir haben Stunden, voll mit Minuten und Sekunden, die wir miteinander verbringen werden. Womit fangen wir an? drängt er.

Tee, antworte ich knapp.

Es hat keinen Zweck, mit einem Tag zu streiten. Er weiß es ja nicht besser. Er ist noch jung, und auch wenn er manchmal ewig dauert, ist für ihn nach 24 Stunden alles vorbei.

Ich stelle die Tasse auf den Tisch.

Hier, wärm dich ein bisschen auf, und wenn die Tasse leer ist, legen wir los.

Der neue Tag schmiegt sich um die Tasse.

Schön warm, wispert er.

Ich nicke.

Eine Zeitlang sitzen wir schweigend am Küchentisch, der neue Tag und ich. Langsam löst er einen Tentakel von der Tasse, dann noch einen. Er stupst mich damit vorsichtig am Arm, und es fühlt sich nun angenehm an. Ich spüre ein leichtes Kribbeln, als er sich behutsam durch die Haut in mein Inneres vortastet.

Schließlich ist die Tasse leer, und ich bin im Tag angekommen.

Es kann losgehen.

Winterspaziergang II

Auf tief verschneiten Wegen
So stapf ich durch den Wald
Der Schnee rutscht in die Stiefel
Die Füße werden kalt.

Auch wenn ich zitternd friere
Ganz sinnlos war es nicht
Wär ich daheim geblieben
Gäb es nicht dies Gedicht.


Ob sich Schmuddelwetter zum Verfassen von Gedichten eignet, möge jeder selbst entscheiden. Der Winterspaziergang vom 05.01.2021 hatte mehr Tiefgang – und trotzdem keinen Schnee im Stiefel 😉

Abendlied

Der Wald steht schwarz und schweiget.

Ein unbeschriebenes Blatt
Reiht sich ans nächste – Platz für
Unsere geheimsten Wünsche?
Unsere größten Ängste?

Der Wald steht schwarz und schweiget.

Wie man in den Wald ruft,
so schallt es heraus:
Glück verheißend?
Unglück bringend?

Der Wald steht schwarz und schweiget.


Nachtgedanken zum ›Abendlied‹ von Matthias Claudius

Meta-Haikus

Anfang: fünf Silben
Dann in der Mitte sieben
Fünf Silben: Ende


Kann man denn jeden
Gedanken in ein Haiku
packen? Sieht so aus.


In der Form bleiben.
Jede Abweichung von ihr
zerstört die Struktur.


An ein paar freien Tagen habe ich mich Haikus beschäftigt und finde diese Gedichtform sehr spannend. Es kann gut sein, dass bald noch mehr davon folgen wird.

Der Rasenmähermann

Ich und die Uhrzeiten. Es passiert mir immer wieder, dass ich zum Beispiel fünf Uhr am Nachmittag mit 15 Uhr durcheinanderbringe, und dann kann es sein, dass ich zwei Stunden zu spät zu einem Termin komme. Oder zu früh. Und dann stehe ich so wie jetzt am Bahnhof und stelle fest, dass Stephi mich deshalb nicht wie vereinbart vom Bahnhof abholen kann, weil sie noch in der Arbeit ist. Das Handydisplay zeigt mir 15:17 Uhr, und sie arbeitet bis halb fünf. Halb siebzehn klingt komisch, wäre aber eindeutiger gewesen. Und ich hätte den nächsten Zug nehmen können.

Viel Gepäck habe ich nicht bei mir: einen Rucksack und einen Stoffbeutel. Ich könnte also gemütlich zu ihrer Arbeitsstelle spazieren und dort auf sie warten. Google Maps sagt mir, dass das zu Fuß nur neun Minuten dauert. Aber links von der Route wird mir eine größere grüne Fläche angezeigt, vielleicht ein Park. Das Wetter ist schön, und ich habe eine Stunde Zeit. Also los.

Nach kurzer Zeit komme ich bei einer recht unspektakulären Grünfläche an, auf der sich zwei Schotterwege kreuzen und eine eiserne Parkbank steht. Um diesen Platz stehen ein paar Häuser, die in den achtziger Jahren architektonisch wohl der letzte Schrei gewesen waren und langsam in die Jahre gekommen sind. In einem Garten steht ein Brunnen. Eine nackte Frau hält eine Amphore, aus der Wasser plätschert. Das einst weiße Marmorimitat ist grau und an manchen Stellen grünlich verfärbt. Einige Vögel baden in dem flachen Wasser.

Ich beschließe, mich auf die Bank zu setzen und den Vögeln zuzusehen. Genau in dem Moment, als ich mich hinsetze, wird in einem der Gärten ein Rasenmäher gestartet. Die Vögel flattern erschrocken auf. War ja klar. Vermutlich hat der Besitzer der Höllenmaschine darauf gewartet, dass sich jemand auf die Bank setzt. Ich blinzle gegen das Sonnenlicht, um herauszufinden, woher der Lärm kommt.

In einer Lücke zwischen einer Wand aus Thujen schiebt ein Mann seinen Rasenmäher. Er sieht mich und zwinkert mir zu. Dann verschwindet er wieder hinter der Hecke. Vermutlich doppelt so alt wie ich. Na ja, eher Ende fünfzig, und bei mir steht ja auch schon eine Drei vorne. Er wendet und bleibt in der Lücke stehen. Mit beherztem Griff bringt er seinen Rasenmäher zum Schweigen.

»Für Sie ist das Lärm, nehme ich an?«, kommt er gleich zur Sache. Ich nehme an, mein Gesichtsausdruck war sehr eindeutig. Er sagt das aber nicht vorwurfsvoll oder verärgert und wirkt insgesamt recht freundlich.

»Na ja, vermutlich muss der Rasen ja irgendwann gemäht werden, aber …« Ich stocke. Eine ältere Dame mit grauen Locken führt Ihren Hund spazieren. Im Schatten sehe ich einen Kinderwagen, der geschoben wird. Wenn der Mann warten würde, bis sich niemand mehr hier aufhält, wäre es Nacht, und da kann er nicht mähen.

»Sie haben noch nicht oft selbst einen Rasen gemäht, nehme ich an?« Ich schüttle den Kopf. Ich wohne ja in einer Dachwohnung zur Miete, und so weit oben wächst kein Rasen.

Er blickt mich mitleidig an und bedeutet mir mit der Hand, doch ein bisschen näherzukommen.

»Riechen Sie das mal.« Wie um es mir zu demonstrieren, atmet er hörbar tief ein.

»Die Mischung aus frisch geschnittenem Gras und Benzin finde ich wunderbar.«

Ich nicke vorsichtig. Im Schuppen meines Großvaters roch es auch immer latent nach Benzin, und ich muss gestehen, dass ich diesen Geruch ganz gerne mag.

»Außerdem sieht es einfach ordentlich aus. Eine einfarbige Fläche, fast schon abstrakt, wenn man sie aus einem flachen Winkel betrachtet. Ein sattes Grün, eine Insel des menschlichen Schaffens, ein Teppich der Zivilisation.«

»Ähm, na ja …« Ich weiß nicht, was ich entgegnen soll. Das klingt schon reichlich pathetisch, aber ich bin zu verdattert, um etwas Sinnvolles erwidern zu können.

»Stichwort Teppich: Wussten Sie, dass der Rasenmäher von einem Textilingenieur erfunden wurde? Die Technik wurde zum Abschneiden überstehender Fasern verwendet, und er hat das Prinzip auf die Landschaft übertragen. Das war der Auslöser, der Codex kam später.«

»Codex? Es existiert ein Mäh-Codex?« Ich muss schmunzeln. »Ein Codex ovium?« Ovis ist das lateinische Wort für Schaf.

Er geht gar nicht darauf ein. Mäh.

»Ja, der Codex«, wiederholt er feierlich, dann beugt er sich vor.

»Ich glaube, Ihnen kann ich es verraten, weil –« Er unterbricht sich und blickt sich um. Die alte Frau und die kinderwagenschiebende Person sind verschwunden.

»Es existiert ein Codex. Zum Beispiel soll ein Rasen gewissenhaft und regelmäßig gemäht werden. Es gibt auch eine Kleiderordnung, die aber nicht von allen beachtet wird. Oberkörperfrei und mit kurzen Hosen geht für mich zum Beispiel gar nicht. Erstens wegen der Verletzungsgefahr, und außerdem muss ich dem Rasen ja auch mit einem gewissen Respekt gegenübertreten. Der Vorgang des Mähens – des bewussten Mähens – geht mit einer Sorgfalt bei der Auswahl des Gewandes einher.«

Das klingt ja fast nach einer Religion! Ich mustere die Kleidung des Mannes. Mein Vater hat immer mit alten und aufgerissenen Hosen gemäht, die an den unteren Aufschlägen grün waren. Oben meistens klassischer Feinripp. Mein Gegenüber trägt Arbeitskleidung. Saubere Arbeitskleidung. Vermutlich zieht er dieses ›Gewand‹ auch nur zum Mähen an.

»Respekt sollte auch den Mit-Mähern gezollt werden. Genau so, wie man einem anderen nicht ins Wort fällt, gehört es sich auch nicht, mit dem Mähen zu beginnen, wenn in Hörweite jemand anderes mäht.«

Das war mir tatsächlich schon öfter aufgefallen, dass in der Nachbarschaft nie gleichzeitig gemäht wird, sondern immer hintereinander. Aber dass es dafür Regeln gibt? Interessant.

»Der Mäher ist beim Vorgang des Mähens eins mit seiner Maschine, mit seinem Rasen. Ein anderes Motorengeräusch führt wegen der immer vorhandenen, wenn auch geringen Drehzahlunterschiede immer zu akustischen Schwebungen, und das stört die Zeremonie erheblich.«

Hat er wirklich Zeremonie gesagt? Mir fällt auf, dass ich schon lange nichts mehr zu dem Gespräch beigesteuert habe.

»Aha.«

Wenn zwei Menschen reden, wird es ein Dialog. Ich weiß aber beim besten Willen nicht, was ich auf seine Äußerungen sinnvolles erwidern könnte. Genaugenommen bin ich mir immer noch nicht sicher, ob er das alles wirklich ernst meint.

»Sie glauben mir nicht? Auch das ist kein Problem. Der Codex sieht vor, dass Ungläubige nicht geschont werden müssen, wenn die Umstände es erfordern. Im Blut ist Eisen, und das sorgt für gutes Wachstum.«

Mit einer schnellen Handbewegung packt er mein Handgelenk, und in der anderen Hand blitzt plötzlich ein metallischer Gegenstand.

Ich schreie – und finde mich auf der Bank wieder. Kein Mann, kein Rasenmäher, kein Opferkult. Alles friedlich. Die Vögel sind wieder am Brunnen. Ich habe das Gespräch wohl nur geträumt.

Vorsichtshalber blicke ich um mich. Kein Mensch ist zu sehen, aber im Hintergrund erklingt das vertraute Knattern. In einer Lücke zwischen einer Wand aus Thujen schiebt ein Mann seinen Rasenmäher. Er sieht mich und zwinkert mir zu.

petrichor

Riechst du den Regen?

Grüne Wiesen und Wälder
Hausdächer und Windschutzscheiben
Schulkinder und streunende Katzen
durch verwilderte Gärten

Riechst du den Regen?

Schwarze Mäntel und Regenschirme
Kies und Gießkannen
Efeu und faltige Gesichter
mit vergossenen Tränen

Riechst du den Regen?

Polierter Marmor und Granit
Buchs und verwelkte Rosen
Kreuze und dein Name
auf verwittertem Stein

Riechst du den Regen?

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