Gedanken nach einer unruhigen Nacht

Der Morgen dämmert
und mit ihm die Erkenntnis,
dass die Nacht bisweilen
wie eine biblische Plage
über uns kommt.

Die Augen sind gelähmt und taub,
die Ohren blicken ängstlich hinter jedes Geräusch.

Wir werden heimgesucht von Traumbildern
(schönen wie schrecklichen)
und Stechmücken,
die sich allesamt
weder erwischen
noch vertreiben
lassen.

Das Ende der Welt

»Komm mal her, mein Kind.«

Normalerweise mag ich es gar nicht, Kind genannt zu werden. Das hat mich schon gestört, als es altersmäßig zutreffender war als jetzt. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass mein Körper relativ früh beschlossen hat, dass es jetzt genug sei mit dem Wachsen. Aber die Vermieterin, eine alte Frau, die einen Kopf kleiner und gefühlt drei Mal so als ist wie ich, hat meine unausgesprochene Erlaubnis, mich so zu nennen. Sie meint das nicht abwertend oder böse. In Ihren Augen bin ich vermutlich noch fast ein Kind.

»Pack mal mit an. Der Tisch muss da hinüber in den Schuppen.«

Gemeinsam tragen wir den kleinen Gartentisch dort hinein, anschließend die Stühle. Die alte Frau wirkt alt und gebrechlich, ist aber kräftig und zäh.

»Für morgen ist Sturm angekündigt.«

Bei dem Wort Sturm verkrampfe ich innerlich. Regen macht mir nichts aus, ein Gewitter … naja, erlebe ich lieber mit einem sicheren Dach über dem Kopf als in der freien Natur, aber mit Stürmen habe ich schlechte Erfahrungen.

Als Kind war ich mit Mama, Papa und meiner kleinen Schwester oft beim Zelten. Wir Mädels fanden es immer spannend, in einem Zelt schlafen zu dürfen. Papa wohl auch. Mama hatte eine Abneigung gegen alles, was mehr als zwei Beine hat, und ekelte sich vor jedem Käfer und jeder Spinne, die sich ins Zelt verirrt hatte. Dann musste Papa ran, um das ›eklige Tier‹ (O-Ton Mama) nach draußen zu befördern, so weit weg wie nur möglich.

Eines Nachts kam ein starker Sturm auf. Ich hatte tief und fest geschlafen, aber eine Windböe riss wohl das Zelt um und schreckte mich aus dem Schlaf hoch. Um mich herum war alles dunkel, und meine kleine Schwester schrie wie am Spieß. Dazu kam das Heulen des Windes und das Knarren der Bäume. Die Zeltplane flatterte lautstark, und die plötzliche Enge machte mir Angst. Ich wollte dahin krabbeln, wo ich den Ausgang vermutete, aber irgendetwas hielt mich zurück. Im Nachhinein war es wohl der Reißverschluss vom Schlafsack, in dem sich meine damals noch langen Haare verfangen hatten. Vielleicht hatte sich auch meine Schwester panisch in meine Haare gekrallt. In dem Moment fühlte es sich an, als hätte mich ein Monster am Schopf gepackt, um mich zu verschlingen oder zu erdrücken oder hoch in die Luft zu schleudern oder was auch immer große Monster mit einem wehrlosen Kind anzustellen pflegen. Ich kann mich an das Weitere nicht mehr erinnern, aber Mama sagte mir später, dass ich fast eine halbe Stunde lang auf ihrem Schoß geschrien hätte, während Papa das Zelt wieder in Ordnung brachte.

So viel zum Thema Sturm. Als Erwachsene weiß ich, dass ein Sturm kein Monster ist und ein gemauertes Haus kein Zelt, aber wenn der Wind so stark wird, dass man ihn heulen hört und Bäume leise ächzen, spüre ich einen Anflug von Panik in mir aufsteigen.

»Ein Sturm?«

Die Vermieterin weiß nichts von meinem Kindheitstrauma und erzählt munter drauflos.

»Ja, mein Kind, ein richtiger Orkan. Am Nachmittag. Hoffentlich lässt er diesmal das Dach in Ruhe. Damals – wann war das? Das ist bestimmt schon dreißig Jahre her, da hast du noch gar nicht gelebt, da hat ein Sturm das Dach halb abgedeckt. Die Feuerwehr ist gekommen und hat …«

Ich höre nicht mehr zu, denn ich wohne im zweiten Stock. In der Dachwohnung. Fieberhaft überlege ich, ob es eine Möglichkeit gibt, morgen irgendwo anders zu sein, aber ich muss arbeiten. Krank melden? Aber wo soll ich dann hin?

Zurück in meiner Wohnung zücke ich mein Handy. Die Wetter-App meldet für morgen leichten Wind. Falscher Alarm? Vielleicht wird es doch gar nicht so schlimm.


Heute ist es so weit. Heute ist der Tag. Die Sonne scheint. Die Wetter-App hat ihre Meinung immer noch nicht geändert. Ein Wolkenband scheint am Nachmittag über uns hinweg zu ziehen, viel Regen, Wind bis 5 km/h. Das wäre ein laues Lüftchen. Ich klammere mich krampfhaft an den Gedanken, dass die Vermieterin den falschen Wetterbericht aufgeschnappt hat. Vielleicht den von Florida?

In der Arbeit bin ich unkonzentriert, weil ich ständig an den Sturm denken muss. Der Sturm ist das Thema, und irgendwann will ich gar nicht mehr in die Kaffeeküche gehen, weil da mit Sicherheit jemand an der Kaffeemaschine steht und davon spricht. Dass man übers Wetter quatscht, ist völlig okay, wenn es sich um schönes oder meinetwegen auch Mistwetter handelt. Orkan klingt nach einem Lebewesen, das Bäume entwurzelt und in der Mitte durchbeißt. Die Kollegen finden das aber eher belustigend bis spannend. Ich traue mich aber nicht, sie zu fragen, was ihre Wetter-App für den Nachmittag anzeigt.

Nun sitze ich in meiner Dachwohnung und warte. Auf das, was kommen wird. Ich habe mir eine Kerze und Streichhölzer bereit gelegt, falls wir einen Stromausfall haben. Außerdem einen Regenmantel. Den Weg zum Treppenhaus finde ich im Dunkeln, den Weg dorthin habe ich freigeräumt und sogar den Läufer beiseite geschafft. Keine Stolperfallen, Rettungsgasse freihalten! In den meisten Zimmern sind die Rollläden schon herunter gelassen, aber die beiden Dachfenster haben keine Rollos. Wenn nun ein abgerissener Ast genau auf so ein Fenster geschleudert wird … besser, ich halte Abstand. Ich will auch beim letzten Fenster die Rollläden schließen. Draußen wirbeln alte Zeitungen und Plastiktüten direkt an meinem Fenster vorbei. Die Bäume schwanken bedrohlich hin und her, scheinen sich im Boden festzukrallen. Ich wünsche ihnen von ganzem Herzen Standhaftigkeit. Ebenso den Dachziegeln. Haltet durch! Rührt euch nicht vom Fleck!

Der Himmel ist innerhalb kürzester Zeit dunkel geworden. Es fühlt sich an, als wäre es schon Abend. Vor zehn Minuten schien noch die Sonne, es war sommerlich warm. Die Wetter-App: bald Regen, kaum Wind. Ich klammere mich an den irrationalen Gedanken, dass die App recht hat und sich der Sturm legen wird – ja: legen muss! – weil er gar nicht da sein darf.

Unser Nachbar ist nur mit einer kurzen Hose bekleidet, wie immer, wenn die Sonne scheint. Unbekleidete Männer sind grundsätzlich okay, aber Attraktivität und unbedeckte Körperoberfläche scheinen immer im falschen Verhältnis zueinander zu stehen. Der Nachbar ist bestimmt zehn Jahre älter, dünn und blass, nur in der Mitte wölbt sich ein kleines Bäuchlein. Nicht hässlich, aber auch nichts, was ich mir gerne ansehe.

Genau dieser Nachbar kämpft nun mit dem aufblasbaren Pool, in dem seine Kinder immer planschen, wenn die Sonne scheint. Vermutlich hat auch er darauf gesetzt, dass die Wetter-App recht hat. Der Wind geht nun so heftig, dass die dünne, fast nackte Gestalt einen kurzen Moment vom Boden gehoben wird, bevor Gummihülle und Nachbar im Kellerabgang verschwinden. Fast habe ich damit gerechnet, dass der Wind ihn hoch wirbelt, bis hinauf zu den Dächern, an meinem Fenster vorbei.

Ein nackter Mann in Shorts. Der letzte Anblick, bevor die Welt untergeht. Das Allerletzte, quasi. Ich schließe das Rollo und kauere mich auf das Sofa, die Knie an mich gepresst. Das Prasseln schwerer Tropfen auf den Dachfenstern mischt sich nun unter das Heulen und Pfeifen. Die Wetter-App zeigt mir an, dass es bei immer noch leichtem Wind nun regnet.

Durch den Wind

Er saß am Fenster und schaute nach draußen. Menschen eilten vorbei, von daheim zur Arbeit, von einem Termin zum nächsten, wieder nach Hause. Auch er war zeitweise einer von ihnen, aber wo es bei allen anderen fokussiert und zielgerichtet zuzugehen schien, herrschte bei ihm Chaos. Zu viele Gedanken, zu viele Ideen, die sich entwickelten, wenn zwei Gedanken kollidierten und etwas neues in seinem Kopf formten. Wohin damit?

Gestern – oder war es erst heute gewesen? – hatte er den Müllbeutel in den Hof gebracht und war an einem Fahrrad vorbeigekommen, dessen Lenker eine ungewöhnliche Form hatte. Das geschwungene Rohr brachte ihn auf die Idee, den angeknacksten Henkel seiner Teekanne durch ein Stück Rohr zu ersetzen, das er über die Bruchstellen stecken konnte. Ein passendes Stück Rohr hatte er, den Geldbeutel hatte er in der Tasche, also machte er sich gleich auf, um Zwei-Komponenten-Kleber zu kaufen. Erst im Drogeriemarkt fiel ihm auf, dass er in den Hauspantoffeln durch die halbe Stadt gelaufen war und die Mülltüte immer noch in der Hand hielt.

Um einen klaren Gedanken zu fassen, musste der Kopf frei sein. Einer plötzlichen Eingebung folgend, stand er auf, prüfte Schuhe und Geldbeutel, nahm den Müllbeutel, der daneben stand, und ging dann zum Schreibwarenladen um die Ecke. Dort kaufte er selbstklebende Notizzettel in verschiedenen Farben. Daheim angekommen, nahm er einen Bleistift zur Hand und begann, seine Gedanken aufzuschreiben, einen nach dem anderen. Die Zettel klebte er an die Wand.

Draußen war es schon dunkel geworden, als er damit fertig war. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er Jacke und Straßenschuhe nicht abgelegt hatte. Also schlüpfte er in die Pantoffel und hängte die Jacke an den Haken. Dann widmete er sich wieder seinen Gedanken.

Die Wände waren über und über mit bunten Papierquadraten bedeckt, die er alle beschrieben hatte. Tatsächlich fühlte er sich freier, leichter. Das emsige Summen in seinem Kopf war verstummt, er hatte seine Gedanken woanders. Das Zimmer war jetzt sein Kopf geworden. Er seufzte zufrieden. Ein schönes Gefühl, ganz gedankenlos zu sein.

Langsam schritt er die Wände ab. Nun musste er die Gedanken ordnen, aber wie? Auf einem Zettel stand ›Erbsen‹, weil er gedachte, welche zu kaufen und zu kochen, daneben stand ›verreisen‹. Das passte nicht zusammen. Er nahm die Erbsen von der Wand, um sie zu anderen Nahrungsmitteln zu kleben, die sich auf anderen Notizzetteln befanden. Aber halt: gab es da nicht eine Anekdote von einem gewissen Baedeker, der den ersten Reiseführer verfasst hatte und den Begriff ›Erbsenzähler‹ geprägt hatte, weil er beim Stufenzählen Erbsen in die Tasche gesteckt hat? Er heftete den Zettel wieder an seinen alten Platz.

So ging es mit nahezu allen Gedanken: zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nichts gemein hatten, lieferten eine Idee, einen Einfall oder eine Erinnerung. Kombinierte er sie anders, entstand etwas Neues daraus. Aber etwas war anders geworden: während im Kopf alles wild durcheinander ging, blieb es an den Wänden geordnet. Er konnte jederzeit einen Schritt zurücktreten, um einen Blick auf das Ganze zu bekommen. Er konnte einen Zettel versuchsweise an eine andere Position bringen und daraus eine neue Idee formen. Wenn sie ihm nicht gefiel, kam der Zettel wieder weg. So viele Möglichkeiten, so viele neue Ideen im Handumdrehen!

Der Morgen dämmerte. Die Sonne schien zaghaft durch das weit geöffnete Fenster in ein leeres Zimmer. Ein leises Rascheln erfüllte die Luft, wenn der Wind eine Runde durch dem Raum drehte und hin und wieder einen Klebezettel sacht von der Wand zupfte. Auf dem Boden sammelten sich die Gedanken in kleinen bunten Häufchen, und manchmal klang es wie ein papiernes Seufzen, das manche Menschen unbewusst ausstoßen, wenn sie einen guten Einfall haben. Ab und zu flatterte ein buntes Stück Papier aus dem Gedankengebäude, landete auf dem Gehweg oder zwischen den Ästen der Hecke, wo vorbei eilende Menschen manchmal kurz inne hielten und sich danach bückten, um Gedanken zu lesen.


Kennt ihr die Szene aus dem Film »Corpse Bride« von Tim Burton, wo sich die Braut gegen Ende des Films mit einem Seufzer in lauter Schmetterlinge auflöst? Diese Bild hatte ich vor Augen, als ich diesen Text schrieb.

Momentaufnahme

Vielleicht hat der Fotograf
einen Witz gemacht,
um die Anspannung zu nehmen.
Vielleicht waren Freunde da,
die gute Laune verbreitet haben.

Woran hast du gedacht
im Moment der Aufnahme
als du fürs Foto gelächelt hast?

Manche Menschen glaubten,
dass der Fotoapparat
die Seele raubt
und eine leere Hülle
zurücklässt.

Dein Name neben dem Foto,
noch mehr Namen und Text,
ein dünner schwarzer Rand.

Dein Foto neben dir,
noch mehr Menschen und Blumen,
eine stille kalte Halle.

Hast du damals daran gedacht
im Moment der Aufnahme
dass sie dieses Foto nehmen werden?

Ich weiß jetzt:
es ist nicht der Fotoapparat,
der die Seele raubt
und eine leere Hülle
zurücklässt.

Die Klassenclowns

»… oder träumst du wieder?«

Sid blickte von seinem Buch auf. Sprach da jemand mit ihm? Er blickte sich um. Hinter ihm standen Mick, Rick und Mack. Drei Brüder aus dem gleichen Gelege, fast wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur die Farbe der Schuppen unterschied sie voneinander. Mick war eher grau als grün, bei Rick war es umgekehrt, und Mack war insgesamt heller.

»Ah, haben wir dich beim Lesen gestört?«, fragte Mick scheinheilig und lispelnd. Er fand es besonders witzig, die Zunge zwischen den Lippen heraushängen zu lassen, wenn er sprach, und seine Brüder grinsten dazu blöde.

»Lass mich in Ruhe, Mick. Ich muss die Lektüre fertig lesen.«

Sid wandte sich wieder dem Buch zu.

»Bist spät dran, ich hab das Buch schon vorgestern komplett gelesen, stimmt’s?«

Mick blickte auffordernd zu seinen Brüdern. Gackerndes Lachen. Klar hat er das. Und wenn es Honig regnet, kann man die Mehlwurmkekse aus dem Fenster halten. Mick ging in die gleiche Klasse wie Sid, seine Brüder wurden auf Parallelklassen aufgeteilt. Im Dreierpack wollte die kein Lehrer haben. Verständlich. Es reichte einer, aber zu dritt war es einfach nur noch blöd.

Mick grinste noch breiter.

»Da fällt mir ein: eine Stelle müsste ich noch mal nachschlagen.«

Er zwinkerte Mack zu, was Sid aber nicht bemerkte.

»Gib mir doch mal schnell das Buch.«

Ohne eine Reaktion von Sid abzuwarten, versuchte er ihm das Buch wegzunehmen, aber Sid hatte mit so etwas gerechnet und hielt das Buch fest. Es gab Gezerre, und Sid war sauer. Seine Schuppen am Hals richteten sich auf.

»Hör auf damit, dumme Kröte! Das ist nicht lustig!«

Mick war etwas größer und stärker als Sid und hätte ihm leicht das Buch entreißen können, schien aber nur spielen zu wollen. Sid kochte vor Wut. Er hatte keine Lust auf Streit. Er musste das Buch lesen, denn nach der Schule hatte er Klavierstunden und keine Zeit für die Lektüre. Rick stand daneben und grinste blöd. Wo war Mack?

Ein lauter Knall ließ Sid zusammenfahren. Sein linker Arm, mit dem er das Buch umklammert hielt, verkrampfte sich unterhalb der Schulter. Oh nein!, dachte er. Ein kurzer Schmerz durchzuckte ihn an dieser Stelle, und dann war der Arm ab. Mick zog das zuckende Körperteil, das immer noch das Buch umklammert hielt, aus dem Jackenärmel und ließ es fallen.

»Upsi«, machte Mack hinter ihnen.

Er hatte sich während der fingierten Rangelei hinter die beiden geschlichen und mit voller Wucht gegen den blechernen Mülleimer getreten, um Sid zu erschrecken. Damit hatte er das evolutionäre Überbleibsel ihrer vierbeinigen Reptilienvorfahren aktiviert, das es erlaubte, in Paniksituationen ein Körperteil abzuwerfen und zu fliehen. Den Schwanz hatte die Evolution schon vor Ewigkeiten wegrationalisiert, nicht aber den Abstoßungsreflex. Der funktionierte immer dann besonders gut, wenn es nicht ums schiere Überleben ging. Und die Situationen, in denen er wirklich Leben gerettet hatte, ließen sich wohl an einem Arm abzählen. Oder an einem Bein.

Mick grinste und schaute dem zuckenden Arm zu, dessen Bewegungen langsam schwächer wurden. Mit gespieltem Bedauern wandte er sich an Sid.

»Sorry, das tut mir echt leid, Sid. Naja, gut dass du mit rechts schreibst. Wir müssen dann mal.«

Bevor Sid etwas erwidern konnte, waren die drei auch schon auf und davon. Ihr meckerndes Lachen hallte noch kurz durch die Aula, dann waren sie draußen.

Sid rieb sich den Stumpf, dann hob er das Buch auf. Diese dummen Kerle! Ein abgefallener Arm war kein Beinbruch, aber das Nachwachsen würde höllisch jucken, und den Klavierunterricht konnte er für die nächsten vier Wochen vergessen.

world wide simulation

Es gibt Situationen, die sind – wie soll ich es sagen? Wie ein Riss in der Zeit. Alles, was davor passiert ist, fühlt sich ganz weit weg ist, auch wenn einem ein Blick auf die Uhr sagt, dass man erst seit einer knappen Viertelstunde in diesem Raum steht.

»Irre, oder? Noch einmal?«

Ich nicke benommen. Ted grinst und ruft dasselbe Programm noch einmal auf. Die Welt um mich herum geht in die Knie. Alle Details verschwinden, als würde sich ein Nebelschleier über alles legen. Auch die Gedanken werden undeutlich. Dann ist es wieder vorbei.

Als mich Ted gestern angerufen und ins CERN eingeladen hat, um mir etwas zu zeigen, habe ich mit allem gerechnet. Das erste von Menschenhand geschaffene schwarze Loch. Ein neues Teilchen. Die Bestätigung der Stringtheorie. Eine Tür in ein Paralleluniversum.
Irgend etwas, was ich für einen neue Story benutzen kann. Aber nicht das.

Neben Ted steht Dr. Iris Tumel in dem kleinen Raum. Wir starren auf den alten Rechner, der auf einem Schreibtisch steht. Das Gehäuse ist leicht vergilbt und sieht aus, als wäre das Gerät seit 20 Jahren auf dem selben Fleck gestanden. Genauso wie der Schreibtisch. Nur der Flachbildmonitor passt nicht ins Gesamtbild. Dass dort ein blinkender Cursor auf schwarzem Hintergrund auf Eingabe wartet, passt das schon wieder eher zur archaischen Erscheinung.

Iris lächelt nervös, ihr scheint das gerade Erlebte eher unangenehm zu sein. Eine Art von Kontrollverlust, den jemand mit einem Doktor in theoretischer Physik nicht leicht verkraftet.

»Aber wie kann das sein?«, frage ich. »Wie kann der Computer, der uns und alles berechnet, selbst Teil der berechneten Welt sein? Das ist doch völlig unlogisch!«

Ted deutet auf Iris.

»Lass dir das von ihr erklären. Ich habe die Arbeit zwar gelesen, aber sie kann das besser.«

Iris setzt mit einem Erklärungsversuch an. Sie hat ein mathematisches Modell entwickelt, das eine unendliche Folge von Rekursionen renormieren kann. Das machen Physiker oft, wenn man aus einer unendlichen Größe irgendwas Sinnvolles ableiten möchte. Die renormierte Folge ist dann wieder isomorph zu einer selbstbezüglichen Schleife. Was danach kommt, sickert an meinem Bewusstsein vorbei, das nur um diesen alten Computer kreist und versucht, das gerade Erlebte irgendwie einzuordnen. Warum ausgerechnet so eine alte Mühle, wo doch direkt nebenan einer der schnellsten Rechner der Welt steht?

Als ob sie meine Gedanken lesen könnte, erklärt Iris:
»Dieser Rechner vor uns simuliert natürlich nicht mit seiner bescheidenen Rechenleistung unser Universum. Kein Computer der Welt würde das schaffen. Es handelt sich hier nur um das Residuum des Renormierungs-Funktionals.«

Sie deutet meinen Gesichtsausdruck völlig richtig und fügt hinzu:
»Der letzte Rest an Selbstbezüglichkeit ist dieser Rechner hier. Wenn man sich die Simulation als Blase vorstellt, ist sie geformt wie ein Wassertropfen, und an der Spitze des Tropfens – der Diskontinuität, wenn man so will – steht dieser Rechner. Wie leistungsfähig er ist, ist dabei zweitrangig, er muss nur das Kriterium der Turing-Vollständigkeit erfüllen.«

Hier schaltet sich Ted wieder ein.

»Interessanterweise ist die Performance aber direkt von dieser …« – er deutet auf den Rechner – »Diskontinuität hier abhängig. Wenn wir dem Rechner also wie gerade eben ein bisschen mehr zu tun geben, hat das direkte Auswirkungen auf die Güte der Simulation. Der Grad an simulierten Details geht zurück, die Welt wird undeutlicher, wie wir gerade eben am eigenen Leib erfahren haben.«

Er wendet sich erneut dem Rechner zu.

»Man kann die Simulation übrigens auch pausieren. Schau her.«

Er tippt sleep 5 ein und betätigt die Return-Taste. Sofort blinkt der Cursor wieder in der nächsten Zeile auf.

»Ich verstehe nicht ganz«, setze ich an.

»Normalerweise wartet der Computer 5 Sekunden, wenn ich das Kommando abschicke. So auch hier, allerdings merken wir nichts davon, weil die simulierte Zeit in diesen 5 Sekunden nicht weiterläuft. Wie schnell oder langsam simuliert wird, ob mit oder ohne Unterbrechungen – davon merken wir nichts. Nur wenn sich die Qualität der Simulation ändert, dann spüren wir das.«

Ich versuche, das eben Gehörte und Erlebte irgendwie einzuordnen. Dieser alte Computer berechnet nicht das Universum, bildet aber die letzte Bestätigung dafür, dass es berechnet wird. Wegen der unendlichen Kette von Rekursionen bedeutet das, das sich mehr oder weniger die Simulation selbst berechnet, und dennoch hängt alles an diesem alten Rechner. Dem Residuum. Ein unangenehmer Gedanke drängt sich auf.

»Was passiert, wenn jemand den Rechner ausschaltet? Oder wenn der Strom ausfällt?«

Iris übernimmt das Wort.

»Gegen Stromausfälle hat das CERN eine gut funktionierende Notstromversorgung.«

Ted ergänzt: »Bevor die komplett in die Knie geht, weil sämtliche Kraftwerke über einen längeren Zeitraum streiken, ist von der menschlichen Gesellschaft nicht mehr viel übrig. Bevor der Rechner hier ausgeht, herrscht Bürgerkrieg. Jeder gegen jeden – da wäre es ein Segen, wenn das Teil ausgeht und dem Ganzen ein Ende setzt.«

»Aber der Schalter?«

Ted dreht das Gehäuse vorsichtig herum. Dort, wo der Netzschalter sitzt, sind ein paar Stücke Wellpappe mit Paketklebeband fixiert worden.

»Kein Hinweis? Keine Beschriftung?«, frage ich verwundert.

»Ist besser so. Wenn in großen Lettern ›Auf keinen Fall ausschalten – Lebensgefahr!‹ draufsteht, gibt es immer irgendeinen Idioten, der garantiert draufdrückt.

Ich nicke langsam. Irgend einen gibt es immer, der trotzdem drückt. In diesem Fall aber könnte man posthum nicht mal mehr den Darwin-Award verleihen.

Ich lasse den Blick schweifen. Als ›Versteck‹ ist dieser Raum vermutlich gut geeignet. An einem Schrank ist die Tür aus den Scharnieren gebrochen und gibt den Blick auf vergilbte Stapel von bedrucktem Endlospapier frei. Weiter hinten stehen klobige Kästen, mit denen früher Fortran-Programme in Lochkarten gestanzt wurden. Hierher verirrt sich normalerweise kein Mensch.

»Derjenige, der den Schalter überklebt hat, muss auch davon gewusst haben«, murmle ich langsam. »Habt ihr schon mal geschaut, ob es Hinweise auf den Urheber gibt? Vielleicht steht ein Datum auf der Pappe?«

Ted und Iris schauen sich an. Iris geht zum Rechner und löst vorsichtig das Paketklebeband. Darunter kommen drei Rechtecke aus Wellpappe zum Vorschein. Zwei davon haben eine Aussparung, die dafür sorgt, dass die dritte, oberste Pappe den Netzschalter nicht berührt. Unter dieser Deckschicht ist ein zusammengefalteter Zettel.

Iris faltet ihn vorsichtig auseinander und streicht ihn auf dem Tisch glatt. Andächtig scheint jeder im Raum die Luft anzuhalten. Ganz oben steht lapidar ›Yep. That’s it. The secret of the universe.‹ Darunter mehrere Daten und Initialen. Der erste Datumseintrag hatte die gleiche Handschrift: ›1995-03-26 B.‹ Dann eine gute Handvoll weiterer Einträge, bis auf eine Ausnahme immer nur ein Buchstabe dahinter. Der letzte Eintrag war vom 20.11.2013, signiert mit einem F.

Ted zieht seinen Kugelschreiber aus der Brusttasche.

»Wir sind das erste Trio, das sich hier verewigt.«

Er schreibt das heutige Datum, gefolgt von einem T.

»Meine Damen …«

Er reicht den Stift an Iris weiter, die ein I dahintersetzt. Der Stift zittert leicht in ihrer Hand. Dann hält sie mir den Kugelschreiber hin.

»Ich? Aber ich arbeite doch gar nicht hier?«

»Das ist egal. Immerhin ist von uns beiden keiner auf die Idee gekommen, nach diesem Zettel zu suchen. Somit bist du ab jetzt eine von uns«, erwidert Ted. Iris nickt.

Na gut. Ich setze meinen Buchstaben dahinter. Ted holt sein Mobiltelefon heraus und macht ein Foto davon.

»Vielleicht lässt sich im Archiv etwas dazu herausfinden. Ich kann mir gut vorstellen, dass die meisten, wenn nicht sogar alle, die hier einen Eintrag gesetzt haben, kurze Zeit später das CERN verlassen haben.«

Er blickt herausfordernd in die Runde. Iris beißt sich erschrocken auf die Unterlippe. Das ganze Blut scheint plötzlich aus ihrem Gesicht gewichen zu sein.

»Ich meine, welchen Sinn hat es noch, irgendwelche Elementarteilchen aufeinander zu ballern, wenn das alles hier« – er macht eine ausladende Geste – »sowieso nicht echt ist?«

Iris schluckt schwer. Ihre Augen werden feucht. Wortlos nimmt sie das Blatt und faltet es ganz langsam, wie in Zeitlupe, wieder zusammen. Vorsichtig fügt sie die Kartonstücke und den Zettel zusammen. Sie setzt an, die Pappkonstruktion wieder über den Schalter zu kleben. Tränen laufen ihr über die Wangen und tropfen auf den Schreibtisch, wo sie kleine Krater in der dünnen Staubschicht hinterlassen.

Eine peinliche Stille füllt den Raum.

»Tut mir leid. Soll ich dir helfen?«, fragt Ted vorsichtig. Iris nickt wortlos und reicht ihm die Kartons. Das Klebeband hat über die Jahre seine Haftkraft eingebüßt und löst sich immer wieder vom Computergehäuse. Zwei Mal fallen die Kartonstücke auf den Boden. Ted schnauft schwer und streicht langsam, aber energisch über die Kanten des Klebebandes, presst es ans Gehäuse und die Kartons.

Wie in Zeitlupe sehe ich, dass Teds Hand gerade von der einen Seite aus über das Band streicht, um es anzupressen, während sich das andere Ende des Klebebandes wieder aufrollt und die Kartons ein winzigkleines Stück nach unten rutschen.

»Vorsicht! Die Kartons sind verru

Winterspaziergang

die Welt ist fast schwarzweiß geworden
die Farben haben sich
unter dem Schnee versteckt
dunkles Braun
gedecktes Grün
gerade noch zu erkennen

die Welt ist fast lautlos geworden
die Geräusche haben sich
hinter den Bäumen verborgen
gleichmäßiges Atmen
knirschende Schritte
gerade noch zu vernehmen

das Lachen der Kinder
die am Waldrand Schlitten fahren
klingt leise
gedämpft
unwirklich
wie ein fernes Echo
aus einer längst vergangenen Zeit
als die Welt noch laut und bunt war

Nebel zieht auf

der Abend dämmert

Veränderungen

es gibt Veränderungen
die so langsam eintreten
dass ein Menschenleben
viel zu kurz ist
um sie überhaupt zu erkennen

es gibt Veränderungen
die so schnell eintreten
dass ein Menschenleben
viel zu träge ist
um sie überhaupt zu verarbeiten

es gibt Veränderungen
die so unauffällig sind
dass ein Menschenleben
viel zu reichhaltig ist
um sie überhaupt zu bemerken

es gibt Veränderungen
die so einschneidend sind
dass ein Menschenleben
viel zu klein ist
um sie überhaupt zu ertragen

aber eins steht fest:
es war noch nie
schon immer so

Alles in Butter !?

Böse Zungen unterstellen Männern ja eine gewisse Eindimensionalität im Zusammenhang mit Milchfettprodukten unter haushaltsüblichen Lagerbedingungen („Schatz, wo ist denn die Butter?“). Aber auch Menschen wie ich, die mit zwei X-Chromosomen pro Zelle durchs Leben gehen, sind hier und da überfordert, wenn es um das Auffinden von bestimmten Lebensmitteln zum Zwecke der heimischen Bevorratung geht.

Ich finde mich vor dem Kühlregal des Supermarktes meines Vertrauens wieder. Mich beschleicht einmal mehr das Gefühl, dass (a) das Angebot an Milchprodukten viel zu umfangreich ist und (b) die Regale immer dann umsortiert werden, wenn man sich durch wiederholtes Einkaufen endlich eingeprägt hat, an welchem Platz man die Artikel findet. Was macht der Quark in Magerstufe an der Stelle, wo sonst die mild gesäuerte Bergbauernbutter meinen Blick erfreute und meiner Hand schmeichelte?

Zu allem Übel befindet sich einer der zahllosen Lautsprecher direkt über besagtem Kühlregal. Wie der erste Wortbestandteil zweifelsfrei nahelegt, ist die daraus erschallende Musik, nun ja, laut. Wilhelm Busch meinte hierzu einmal: Musik wird oft nicht schön gefunden, weil stets sie mit Geräusch verbunden. Dem kann ich aus tiefstem Herzen zustimmen.

Mir ist bewusst, dass ich mit dieser Meinung vermutlich einer schweigenden Minderheit angehöre. Grundsätzlich habe ich ja auch nichts gegen Musik, aber die wahllose Dauerbeschallung verfehlt bei mir den Zweck, für eine angenehme und verkaufsfördernde Atmosphäre zu sorgen. Darüber hinaus passt das dargebotene Liedgut meist nicht zur Situation. Hier könnte Musik parallel zur Unterhaltung als Informationsmedium dienen. Der Klassiker no milk today von den Herman’s Hermits wäre (a) gefällig (zumindest aus meiner persönlichen Sicht) und (b) würden milchbedürftige Käufer schon in Hörweite vor dem Kühlregal erfahren, dass eine eingehendere Suche völlig sinnlos wäre. Die Zeitersparnis und die gesundheitlichen Vorzüge (Stichwort: Stressvermeidung) wären sicher von volkswirtschaftlicher Signifikanz.

Nicht so hier. Aus dem Lautsprecher schallt die musikalische Verarbeitung einer gescheiterten Liebesbeziehung zum Zwecke der kommerziellen Vermarktung. Nichts, was die Suche erleichtern würde, und auch die Tatsache, dass es anderen Menschen eventuell noch schlechter geht als mir, spendet mir nur geringen Trost. (Abgesehen davon würde es mich nicht wundern, wenn der Liedtext frei erfunden wäre und keinerlei Bezug zur Realität hätte, aber das nur nebenbei.)

Mir kommt das Gedicht von Joseph von Eichendorff in den Sinn:

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Eine zweite Strophe drängt sich auf:

Tönt Musik aus allen Ecken,
keiner hört mehr richtig zu;
kannst dich nicht vor ihr verstecken,
findest nirgends deine Ruh.

Was ich außerdem nirgends finde: die mild gesäuerte und bereits oben erwähnte Bergbauernbutter.

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