Das Archiv

Ich hatte Stephi schon ewig nicht mehr gesehen. Während des Studiums hatten wir zusammen in einer WG gewohnt, aber danach den Kontakt verloren. Bis sie sich vor ein paar Tagen wieder mal gemeldet hatte. Sie sei beruflich wieder in ›unserer‹ Stadt, ob wir uns treffen wollten?

Nun saßen wir beide in dem Café, in dem wir als Studentinnen öfter einen Nachmittag verbracht hatten. Stephi war in ihrem Redeschwall kaum zu bremsen. Sie wusste über jeden unserer gemeinsamen Freunde und Kommilitonen genauestens Bescheid, was sie oder er gerade beruflich und privat so machte, und hielt es für ihre Pflicht, mich auf dem Laufenden zu halten.

Dazu muss man wissen, dass Stephi in Wirklichkeit anders heißt. Sie hat einen etwas ausgefallenen Namen und würde bei ihrem morgendlichen Routine-Suchmaschinenbefragung vermutlich sofort auf diesen Beitrag stoßen. Dann würde sie Dinge über mich erfahren, die mir unangenehm wären. Nicht, weil sie sie dann weiß, sondern weil sie durch Stephi und ihr Netzwerk dann eventuell unbedacht bei anderen landen. Sie erzählt mir alles, was sie von anderen weiß. Es ist nicht auszuschließen, dass andere im Gegenzug über die neuesten Infos in Kenntnis gesetzt werden, die mich betreffen. Ich habe den Namen gewählt, weil ich eine echte Stephi kenne, die sehr viel Wert darauf legt, dass man auch die Abkürzung ihres vollen Namens mit ph und nicht mit Doppel-f schreibt. Die Stephi, um die es hier geht, ist genauso heikel, was ihren Namen betrifft.

Ich verrate auch nicht, in welcher Branche sie arbeitet, aber ihr Job bringt mit sich, dass sie viel im In- und Ausland unterwegs ist. Sie kann auf subtile Art und Weise nahezu jeden von dem überzeugen, was sie für das Richtige hält. Somit wäre sie eigentlich in der Politik gut aufgehoben, aber ich glaube, in ihrer Firma wissen sie es zu schätzen, dass sie diesen Weg nicht eingeschlagen hat und stattdessen für das Wohl der Firma am Kunden Überzeugungsarbeit leistet.

Ich freute mich tatsächlich, Stephi wiederzusehen, immerhin hatten wir in der WG einiges gemeinsam erlebt, was uns damals zusammengeschweißt hat. Aber wie schon damals überredete sie mich zu einem Glas Sekt zu unserem späten Frühstück, obwohl die Medikamente, die ich gerade einnehmen muss, um ohne Panikattacken durch den Tag zu kommen, sich nicht mit Alkohol vertragen. Das wollte ich ihr aber – wie oben angedeutet – nicht direkt auf die Nase binden und versuchte es mit ein paar unspezifischen und halbherzigen Einwänden, die sie selbstverständlich nicht gelten ließ.

Wie sie die Zeit findet, ihr Netz auszuspannen und alle möglichen Informationen über alle möglichen Menschen zu sammeln, die ihr mal über den Weg gelaufen sind, bleibt mir ein Rätsel. Aber ich erfuhr, dass der Freund, den sie zu unserer WG-Zeit hatte (›nicht der blasse, der zählt eigentlich nicht, das war ja nur kurz, sondern der gutaussehende Blonde‹) und der wegen einer anderen mit ihr Schluss gemacht hatte, diese tatsächlich geheiratet und mit ihr eine Tochter hatte, nun aber seit zwei Jahren geschieden sei.

Außerdem war ihre Mutter vor einem halben Jahr gestorben, und obwohl es eine Erlösung für die alte Dame war (schon während des Studiums war sie schwer krank gewesen), fiel es Stephi immer noch schwer, sich damit abzufinden. Wenn man Stephi nur oberflächlich kennt, steht das in krassem Widerspruch zu ihrer Persönlichkeit, die eine Unerschütterlichkeit und Zielstrebigkeit ausstrahlt, die ich nur selten bei anderen Menschen beobachten konnte. Aber während des Studiums lernte ich Stephi auch von ihrer verletzlichen Seite kennen, und das war einer der Gründe gewesen, warum sie mir so sympathisch geworden war.

Irgendwann blickte Stephi auf ihr Handy und meinte dann, dass sie leider schon wieder zum nächsten Termin müsse. Wir verabschiedeten uns herzlich und versprachen, in Kontakt zu bleiben und nicht wieder fünf Jahre verstreichen zu lassen. Sie bot mir noch an, mich in ihrem Firmenwagen irgendwo absetzen zu können, aber ich lehnte dankend ab. Na dann – und weg war sie.

Mein Gehirn schien in meinem Kopf langsam hin und her zu schaukeln. Entweder lag es an dem Sekt und den Tabletten, oder an der massiven Woge an Infos und Fakten, die über mich geschwappt war. Vermutlich beides. Die frische Luft tat gut, aber ein Blick in den mittlerweile bewölkten Himmel verhieß nichts Gutes. Dass ich Angst für Stürmen habe, hatte ich an anderer Stelle schon berichtet. Für den heutigen Tag war kein Sturm gemeldet, aber für Regen war ich auch nicht passend ausgerüstet.

Als ob sie auf mich gewartet hätten, öffneten die Wolken die Schleusentore, und dicke Tropfen prasselten aufs Kopfsteinpflaster. Stephi war natürlich schon über alle Berge, im Nachhinein wäre es gar nicht dumm gewesen, wenn sie mich beim Bahnhof abgesetzt hätte. Dort hätte ich im Trockenen auf den nächsten Zug warten können. Wäre, hätte – Chance verpasst.

Ein Torbogen duckte sich zwischen die imposanten Fassaden zweier Altstadthäuser, und ich lief dorthin, um mich unterzustellen. Das Pflaster war in Nullkommanichts rutschig geworden, und einmal wäre ich fast hingefallen, aber nun stand ich geschützt im Halbdunkel des Torbogens, der den Anfang einer schmalen Passage zwischen den Häusern bildete. Im mittleren Bereich wurde der Durchgang breiter und bildete eine Art Innenhof, verengte sich dann nach hinten und endete an einer Querstraße, die parallel zu dem Platz verlief, an dessen gegenüberliegender Breitseite das Café lag.

Den Durchgang hatten wir früher öfter benutzt, um den Weg abzukürzen, aber mir war noch nie vorher aufgefallen, dass sich direkt in dem gemauerten Bogen eine kleine Tür befand. Der Laden war mit dicken alten Lederbüchern gefüllt, und ein schwacher, aber einladender Lichtschein sickerte in die dunkle Passage.

Ich mag Bücher sehr gerne, und wenn ich schon darauf warten musste, dass der Regen nachließ, konnte ich das auch mit ein bisschen Lektüre verbinden. Vorsichtig drückte ich die Tür auf. Ein leises Klingeln verriet, dass ich eintrat. Am Tresen stand ein alter Mann, der die Ledereinbände mit einem Lappen abrieb und die Bücher zu Stapeln sortierte. Er hielt inne und blickte mich an:

»Na, mein Kind, nicht das tollste Wetter für einen Stadtbummel, wie?«

Das ich die Anrede Kind nicht mag, habe ich schon einmal erwähnt, aber seltsamerweise störte es mich auch hier nicht.

Er wartete gar nicht ab, ob ich zu einer Antwort ansetzen würde – und mir fiel auf die Schnelle auch gar nichts ein, was ich hätte erwidern sollen – und hob eine Hand zum Ohr. Ein heiseres Pfeifen erklang von weiter hinten.

»Teewasser ist fertig. Auch eine Tasse?«

Ich nickte automatisch. Dann wurde mir bewusst, dass ich recht unhöflich wirken musste, so schweigsam und verwirrt, wie ich da stand.

»Gerne – wenn es Ihnen nichts ausmacht?«

»Ist genug für alle da«, brummte er freundlich und fuhr fort, die Bücherrücken zu polieren.

Ein Mädchen von vielleicht 14, 15 Jahren mit einem hellroten Lockenschopf kam plötzlich aus einem Durchgang hinter dem Tresen. Sie grinste mich an und legte ein neues Buch auf den Tresen. Der alte Mann drehte sich zu ihr und sagte nur:

»Drei Tassen.«

Dann wandte er sich zu mir und raunte:

»Ist gleich fertig.«

»D-danke.«

Das Mädchen eilte davon. Leises Klirren und Klappern war zu hören. Ich blickte mich in dem Raum um. Überall waren alte Regale aus dunklem Holz an den Wänden angebracht, auf denen in Leder gebundene Bücher in den verschiedensten Formaten standen. Manche Fächer quollen fast über, denn dort waren die Bücher nicht nur säuberlich senkrecht hineingestellt worden, sondern in den Zwischenraum bis zum nächsten Fach auch quer daraufgelegt worden, sodass die Regalabschnitte nahezu lückenlos gefüllt waren. Auf den Buchrücken waren Zahlen und Buchstaben zu erkennen, aber keine Titel, die mir vertraut waren.

Ich blickte zum Tresen. Der alte Mann polierte weiter und schien keine Notiz von mir zu nehmen. Jetzt erst fiel mir das Schild auf, das dahinter angebracht war: Archiv stand darauf. Darunter, in kleinerer Schrift: Inh.: C. H. Rohn – seit. Die Jahreszahl wurde leider von mehreren dicken Büchern verdeckt. Wofür das C wohl stand? Christian? Carl?

Neugierig musterte ich den Mann. Kennt ihr das Phänomen, dass sich mit zunehmendem Alter Männer und Frauen wieder ähnlicher werden? So sehr, dass man auf andere Hinweise angewiesen ist, um zweifelsfrei festmachen zu können, ob es sich um einen alten Mann oder eine alte Frau handelt? Die Stimmlage war heiser und weder sehr tief noch sehr hoch, lieferte also keinen sicheren Anhaltspunkt. Die Schürze war aus Leder und verdeckte bis auf die Ärmel eines Leinenhemdes den Rest der Gestalt. Brust und Bauch bildeten eine sanfte homogene Wölbung, die aber keinerlei Rückschlüsse zuließ. Die Haare – nun überwiegend grau – waren wohl einmal rotbraun gewesen, gelockt, nicht zu kurz, nicht zu lang, und kein Hinweis auf lichte Stellen. Keine Dauerwelle oder ein geblümter Schurz, aber auch keine Bartstoppeln oder buschige Augenbrauen, die man fast bis zu den Ohren hätte zwirbeln können. Hm. Das C könnte also auch für Carla stehen. Oder Christiane. Oder der Inhaber hatte das Geschäft von Vater oder Mutter übernommen und hieß sowieso ganz anders.

Aus dem Hinterzimmer kam das Mädchen zurück. Sie brachte zwei Teetassen auf einem Tablett herein. Die erste stellte sie zu dem alten Menschen, dann kam sie zu mir. Sie lächelte freundlich und sagte in einer hellen Stimme etwas zu mir, das ich nicht verstand – und auch keiner mir bekannten Sprache zuordnen konnte.

»Entschuldigung, ich – verstehe – nicht.«

Das schien sie nicht weiter zu stören, denn sie plauderte munter weiter, nickte mir dann freundlich zu und verschwand wieder mit dem nun leeren Tablett. Etwas hilflos blickte ich zu dem alten Menschen, der an seinem Tee nippte und sich dann wieder an die Arbeit machte.

Vorsichtig trank ich einen Schluck. Der Tee war süß, heiß und gut, und die Wärme breitete sich vom Bauch über den ganzen Körper aus. Ich entspannte mich und nahm noch einen beherzten Schluck.

Die Bücherrücken mit den Buchstaben und Zahlen darauf bildeten also ein Archiv, aber mir war nicht klar, was darin archiviert wurde. Ich wandte mich an die Person hinter dem Tresen.

»Gehört das Archiv Ihnen? Ist das Ihr Name auf dem Schild?«

Meine Frage wurde mit einem Nicken und einem unartikulierten Brummlaut quittiert. Ich hätte als Nächstes fragen wollen, für was das C steht, aber die knappe Reaktion schüchterte mich ehrlich gesagt etwas ein, daher beließ ich es dabei.

»Und was archivieren Sie hier?«

»Weltlinien.«

Weltlinien? Mit der knappen Antwort konnte ich nichts anfangen, aber bevor ich nachhaken konnte, kam das Mädchen zurück. In der einen Hand hielt sie ihre Teetasse, in der anderen ein weiteres Buch. Sie erzählte wieder etwas in dieser mir völlig unverständlichen Sprache. Der Archivar (ich hatte beschlossen, dass die meisten Indizien für mich dafür sprachen, dass es sich um einen Mann handelte) nickte kurz und brummte etwas, worauf sie grinsend den Raum verließ.

Der Mann klappte das Buch auf, das er gerade bekommen hatte, und blätterte darin herum. Dann wandte er sich zu mir.

»Kennst du Einstein, mein Kind?«

Ich nickte.

»Einstein hat die Welt in einzelne Punkte zerlegt, die zum Beispiel mich oder dich darstellen. Wir beide sind hier am selben Ort zur selben Zeit. Weil die Zeit vergeht, während wir hier Tee trinken, bewegen wir uns nicht vom Fleck, aber trotzdem durch die Zeit. Das ist eine Weltline. Jeder von uns hat eine, und wenn wir jemand anderem begegnen, kreuzen sich die Weltlinien. Dadurch kann man alles miteinander in Beziehung setzen, in dem man den Linien folgt und die Kreuzungen beachtet.«

Ich war verwirrt. Die Erklärung konnte ich nachvollziehen, aber wie sollten diese Daten in Büchern landen?

»Zum Beispiel hast du dich vorhin mit Stephi getroffen, und in dem Café saß an einem der Nebentische ein Mann.«

Ich nickte wieder.

Der Mann war mir aufgefallen, weil er einen markanten Vollbart hatte und mir irgendwie bekannt vorgekommen war. Allerdings hatte ich nicht herausfinden können, an wen er mich erinnert hatte. Außerdem hatte Stephi so viel zu berichten gewusst, dass ich ihn irgendwann schlicht vergessen hatte. Beim Zahlen war er jedenfalls nicht mehr da gewesen.

Der Archivar war mittlerweile nach vorne gekommen und suchte in einem der Regale nach einem Buch, zog es heraus und schlug es auf. Er fuhr mit dem Finger über die Seite, blätterte ein paar Seiten nach vorne und grinste dann.

»Der Mann ist Ben, der Bruder von Anna, deiner besten Freundin im Kindergarten und in der Grundschule.«

Richtig, die Augen! In Annas Familie hatten alle ganz besondere hellblaue Augen, und die Augen waren das einzige Merkmal bei dem Mann gewesen, das trotz seiner üppigen Gesichtsbehaarung klar zu erkennen gewesen war. Ich war verblüfft.

»Aber wie haben sie das so schnell gefunden?«

Ich deutete um mich.

»Hier stehen doch Unmengen von Büchern, und Anna habe ich seit bestimmt zwanzig Jahren nicht mehr gesehen.«

»Zweiundzwanzig. Aber eigentlich ist es leicht. Ich gehe einfach von meiner Weltlinie aus, und weil du momentan auch hier bist, ist deine Linie einfach zu finden. Ich muss nur deine Linie zurückverfolgen, dann sehe ich die Kreuzungspunkte mit Stephi und Ben. Bens Linie kreuzt sich zweiundzwanzig Jahre früher öfter mit deiner, weil du nachmittags nach der Schule regelmäßig bei Anna warst.«

Der Archivar steckte das Buch zurück und ging wieder hinter den Tresen. Mir kam das alles unwirklich vor, aber so, wie es der alte Mann beschrieben hatte, klang es absolut plausibel.

»Aber wo kommen denn die ganzen Bücher eigentlich her?«

In dem Moment kam das Mädchen wieder herein. In der Hand hielt es ein neues Buch, und wieder sprach sie in einer schnellen Silbenfolge irgendetwas, das ich nicht verstand. Es fühlt sich seltsam an, wenn man einer Unterhaltung überhaupt nicht folgen kann, weil nicht einmal einzelne Bruchstücke des Gesagten vertraut klingen. Aber es musste verständlich sein, denn der Mann brummte etwas und nickte wieder.

Das Mädchen wandte sich an mich und sagte etwas zu mir. Weil ich sie nur fragend und leicht verzweifelt ansah, deutete sie erst auf ihre Tasse, dann auf mich und schließlich auf die Tasse, die ich in der Hand hielt. Vermutlich wollte sie wissen, ob ich frischen Tee wollte. Ich deutete auf meine Tasse und schüttelte den Kopf.

»Nein danke, ich habe noch Tee. Der schmeckt übrigens sehr gut.«

Ihr Lächeln wuchs in die Breite, vermutlich hatte sie mich verstanden. Sie sagte noch etwas und ging dann wieder hinaus.

Ich musste an Stephi und den Tod ihrer Mutter denken.

»Und was ist, wenn man stirbt?«

»Wenn du verbrannt wirst, verteilen sich die meisten Bestandteile in den Verbrennungsgasen, die Asche wiegt ja nicht mehr viel. Bei einer normalen Bestattung zerlegen dich die Kleinstlebewesen im Boden und tragen die Nährstoffe hierhin und dorthin. Das alles nachzuvollziehen und zu protokollieren würde jedes Archiv sprengen. Aber die Linie, die dich als Mensch beschreibt, die endet dann.«

Er prüfte den Einband eines Buches kritisch und legte es dann zur Seite.

»Aber damit endet nicht alles. Dich gibt es dann zwar nicht mehr, und deine Geschichte ist zu Ende. Und irgendwann enden auch die Linien der Menschen, die dich gekannt haben und noch wissen, wer du warst. Aber alle Linien, die sich jemals mit deiner gekreuzt haben, kreuzen sich wieder mit anderen und so weiter. Und jede Kreuzung beeinflusst beide Linien. Ob das ein Passant ist, der dich anrempelt, oder die beste Freundin, die dir ein Geheimnis verrät. Und somit bildet deine Linie mit allen anderen ein dichtes Netz, das die Grundlage für die Zukunft bildet. Auch wenn sich dann längst niemand mehr an dich erinnern wird, so hast du an ihr mitgeschrieben. Und damit geht die Geschichte weiter.«

Das klang alles logisch und einfach, und trotzdem – die Vorstellung, dass die Schicksale aller Menschen miteinander verwoben sind und aufeinander aufbauen, war tröstlich und furchteinflößend zugleich. Was, wenn ich eine Entscheidung treffe, die für mich zwar unbedeutend ist, aber für die Zukunft katastrophale Folgen haben wird?

Als ob er meine Gedanken lesen könnte, fuhr der Alte fort:

»Wichtig ist, was man jetzt tut. Die Vorstellung, dass man die Zukunft negativ beeinflussen könnte, lastet wie eine ungeheure Verantwortung, aber die teilen sich alle Menschen, die jetzt leben. Außerdem kann sich keiner vorstellen, wie sich das Netz in der Zukunft weiterspinnt.«

Er nippte wieder am Tee.

»Wenn du den berühmten roten Knopf vor dir stehen hast und darauf drückst, sind die Folgen für die Zukunft klar, aber alles andere kannst du nicht wissen und damit ja auch nicht beeinflussen. Und im Bett liegen zu bleiben, um zu vermeiden, dass man das Falsche tut, kann auch ein Fehler sein, der in der Zukunft eklatante Folgen haben kann.«

Er grinste.

»Aber weil wir gerade bei Folgen sind: ich glaube, dass du nun zum Bahnhof gehen solltest, wenn du den nächsten Zug nicht verpassen willst. Der Regen hat mittlerweile aufgehört.«

»Woher wissen Sie …«

Er winkte mit dem Buch, das er vorhin zur Seite gelegt hatte.

»Du bist mit dem Zug gekommen, und es sieht so aus, als ob du am Abend noch einen Termin hast. Eine andere Linie hat eine Richtung eingeschlagen, die in ein paar Stunden direkt zu deiner Wohnung führt.«

Beides war richtig. Ich blickte auf die Uhr von meinem Handy. Den nächsten Zug würde ich noch erreichen, aber ich müsste mich beeilen. Panik stieg in mir auf. Ich trank schnell den Tee aus und stellte die Tasse auf den Tresen.

»Vielen Dank, der hat gutgetan.«

Ich öffnete die Tür, und die Glöckchen ertönten. Als ich mich noch einmal umdrehte, war der Lockenkopf wieder da. Das Mädchen sagte nichts, aber sie lächelte mich fröhlich an. Ich hob die Hand, und weil mir nichts besseres einfiel, sagte ich »Danke!« und ging hinaus.

Draußen war das Kopfsteinpflaster noch feucht und der Himmel bewölkt und grau, aber es regnete nicht mehr. Ich ging quer über den Platz in Richtung Bahnhof. Das seltsame Schwindelgefühl kehrte auf einen Schlag wieder zurück, war aber zum Glück nicht mehr so stark wie vorhin. Ich drehte mich noch einmal um. Der Durchgang lag im Halbdunkel, und man konnte von hier aus nicht erkennen, dass es da eine Tür und dahinter ein Archiv gab.

Alphabetgeschichten: I

Ines erschrak, und auch von den akkurat geschnittenen Hecken flog eine Schar Vögel auf. Ein Reifenplatzer? Nein, mit dem Fahrrad war alles in Ordnung.

Erst jetzt bemerkte sie, wo sie war: die leicht abschüssige Straße durch das Reichenviertel der Stadt. Bis hierher war sie wie im Traum gefahren, ganz in ihrer eigenen Welt. Sie war bis über beide Ohren verliebt und kam gerade von dem Menschen, um den seit der letzten Nacht ständig die Gedanken kreisten. Was sie erlebt hatte, war immer noch ganz neu und irgendwie unbegreiflich. Welche sexuelle Ausrichtung würde das Erlebte am besten umfassen? Nach der letzten Nacht definitiv nicht mehr hetero.

Im Grunde war das doch wie mit der Musik (ah, die Musik – sie hatten die halbe Nacht über Bands und musikalische Vorlieben gesprochen und festgestellt, dass sie beide nahezu komplett auf einer Wellenlänge waren): man versuchte, die Musik in stilistische Schubladen zu packen, um sie greifbarer zu machen und irgendwie in ein Schema zu pressen. Gleichzeitig wollte fast jede Band gerade nicht in eine Schublade zu den anderen Gruppen gesteckt werden und erfand ein neues Genre, das dann wieder auf eine neue Schublade passte. Da wollte die nächste Band nicht rein, sie klangen ja anders. Und so weiter.

Und beim Menschen? Auch hier lag doch der verzweifelte Versuch vor, Schubladen zu erstellen: hetero-, homo-, bi-, pan-, a- und so weiter. Alle Menschen schön sortiert. Und dann noch Männlein und Weiblein. Ein schönes Raster, in das man alle prima reinstecken kann. Aber klappt das immer? Und warum eigentlich die ganze Sortiererei? Wenn sich zwei gefunden haben und alles passt, sind die Kategorien doch irrelevant: der Mensch, die Person, das Individuum, zu denen man sich hingezogen fühlt. Wird die Liebe erwidert: boom! Alle glücklich!

Jetzt am Vormittag war es trotz des strahlenden Sonnenscheins noch etwas kühl, und Strickweste und Sommerkleid sorgten für eine leichte Gänsehaut an den Beinen, das sich mit dem Kribbeln vermischte, das von der Wirbelsäule ausging und in Wellen durch den Körper pulsierte. Heute war keine Vorlesung, und Bedienen musste sie erst am Nachmittag.

Ines war jetzt fast im Zentrum der Altstadt angekommen, nahm schnittig die erste Kurve und wich elegant dem Müllwagen aus. Die Welt war schön!


Der neunte Teil der Alphabetgeschichten. Nach dem tragischen achten Teil geht es hier etwas sonniger weiter, obwohl das so gar nicht zum aktuellen Wetter passt 😉

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Alphabetgeschichten: H

Heinrich Kemmer saß am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer. Er hatte es verbockt, und das wusste er. Wussten beide. Seine Frau war schon vorgefahren, und er hatte vorgegeben, noch ein paar Unterlagen zusammensuchen zu müssen. Wie schlimm es war, wusste sie noch nicht. Aber sie würde es bald erfahren.

Es war riskant gewesen, das wusste er. Die Ehe, die Firma, der Druck. Bislang hatte er dem Ganzen standgehalten. Hatte sogar die Tatsache ertragen, dass er als Sündenbock dafür herhalten musste, dass die Ehe kinderlos blieb. Nur seine Frau wusste von seiner unehelichen Tochter, Wie es der wohl gerade ging? Sie müsste 15 oder 16 sein, hatte vielleicht gerade den ersten Freund? Er wusste es nicht. Und sie wusste nicht, dass er existierte.

Er hatte einen hohen Preis dafür bezahlt, dass er in Gudrun verliebt gewesen war. Und eigentlich liebte er sie noch immer, zumindest den Teil von ihr, der sich hinter dem Panzer verbarg, den sie im Laufe der Jahre angelegt hatte. Wie eine Perle in einer Muschel, dachte er. Nein, genau andersherum. Die Muschel umhüllt ein Stück Dreck mit Perlmutt und schafft daraus etwas Schönes. Gudrun hingegen hat sich mit Schichten von Unnahbarkeit, Hartherzigkeit und Professionalität eingehüllt, und der schöne Kern war nun unsichtbar. Dieser Kern, die Gudrun, die er geheiratet hatte, war nicht mehr zu erkennen, aber ganz im Inneren noch da, das wusste er.

Heinrich nahm ein Blatt zur Hand. Auf dem Briefkopf prangte das Firmenemblem. Hartengardt – seit 1774. Wenn man in alten Dokumenten und Urkunden forschte und es mit den Verwandschaftsverhältnissen nicht allzu genau nahm, konnte man die Familienchronik tatsächlich so weit zurückverfolgen. Der große Aufschwung war allerdings erst wesentlich später gekommen. Die Kriege hatten ihr übriges getan, um die Stellung des Unternehmens zu festigen. Man musste nur aufs richtige Pferd setzen, hatte Gudruns Vater erklärt. Und schnell genug die Seiten wechseln, wenn nötig, hatte Heinrich in Gedanken ergänzt.

Er nahm seinen Füllfederhalter zur Hand und schrieb den Namen seiner Frau aufs Papier. Gudrun. Dann setzte er an, eine Entschuldigung aufs Papier zu bringen, überlegte es sich aber noch einmal anders. Er setzte drei Worte hinter ihren Namen, die selben Worte, die er ihr beim Antrag ins Ohr geflüstert hatte. Sorgfältig schraubte er die Kappe auf den Stift und legt ihn zur Seite. Das Blatt schob er weit von sich, es sollte lesbar bleiben.

Er atmete tief durch und schloss die Augen für einen kurzen Moment. Gudrun müsste jetzt bereits in der Firma sein. Lang würde es nicht mehr dauern, bis sie sich fragen würden, wo er denn bliebe. Gudrun, es tut mir leid. Er beugte sich nach unten, öffnete die unterste Schublade und entnahm ihr eine Pistole.


Der achte Teil der Alphabetgeschichten. Ich wünsche euch schöne und ruhige Feiertage, bevor noch einmal im alten Jahr ein neuer Buchstabe an die Reihe kommt!

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Alphabetgeschichten: G

Gudrun Hartengardt-Kemmer bog aus der Einfahrt und in die Straße ein. Sie liebte es, selbst Auto zu fahren; das war ein Stück Eigenständigkeit, dass ihr keiner nehmen konnte. Der Grund für die Fahrt selbst war allerdings nicht erfreulich. Es gab Ärger in der Firma. Großen Ärger. Und es sah so aus, als ob Heinrich der Grund dafür war.

Er hatte gewusst, was es bedeuten würde, in das Firmenimperium Hartengardt einzuheiraten. Und doch war der Druck vermutlich zu groß geworden. Hat sich zu irgendwelchen riskanten Geschäften hinreißen lassen. Die bucklige Verwandtschaft in der zweiten Reihe war sowieso schon in den Startlöchern gesessen, nachdem sich abgezeichnet hatte, dass aus ihrer Ehe kein direkter Nachfolger hervorgehen würde.

Gudrun fuhr zügig in den Kreisverkehr ein und hupte, weil ein Auto vor ihr im Schneckentempo durch den Kreisel schlich. Alles Träumer, kein Ziel vor Augen. Und was passiert, wenn man kein Ziel hat? Genau. Man erreicht nichts. Sie hatte das Ziel gehabt, die Firma noch erfolgreicher zu machen, und Heinrich war ein Teil des Planes gewesen, dieses Ziel zu erreichen. Und die Nachkommen ihrer Großtante hatten sich zum Ziel gesetzt, das Imperium zu übernehmen. Aber dazu gehört mehr als ein schicker Anzug und ein Master Of International Sonstwie. Aber das verstanden die jungen Leute nicht. Heinrich hatte das verstanden. Er hatte gewusst, dass er ein kleines, aber wichtiges Rad im Getriebe ist, das das Unternehmen am Laufen hielt. Dass er mit der Ehe eine Verpflichtung eingeht.

Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und verfluchte sich dafür. Es ging hier nicht um Gefühle, sondern um Geld, um viel Geld, und um eine Familientradition. Er hatte lange ausgehalten, 34 Jahre waren sie nun verheiratet. Und jetzt ist er eingeknickt, wie ein morscher Pfeiler.

Mittlerweile war sie auf der Umgehungsstraße, der sie bis zum Firmengelände folgen würde. Sie seufzte und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch.


Der siebte Teil der Alphabetgeschichten. Nehmt euch Zeit zum Träumen – aber vielleicht nicht gerade im Kreisverkehr 😉

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Alphabetgeschichten: F

Fábio stand vor der Leinwand und betrachtete das Bild. Eric hatte sich darüber beschwert, dass man zu viele Details sah. Zu viele Falten. Das Gesicht war im Schatten der Hand verborgen, daher wussten nur sie beide, wer für die Aktstudie Modell gestanden hatte, aber die Haut an Bauch und Oberschenkeln war ihm zu faltig gewesen. Er wusste ja, wer auf dem Bild zu sehen war.

Fábio musste grinsen. Eric war 27 Jahre älter als er. Natürlich hatte er deshalb nicht mehr Fábios jugendhaften Körperbau, aber nichtsdestotrotz genug Energie und Leidenschaft bewahrt. Daran gab es nichts auszusetzen. Und der Altersunterschied hatte auch Vorteile: Erics Praxis lief seit vielen Jahren gut, und er konnte es sich leisten, seinen Liebhaber und dessen Kunst finanziell zu unterstützen. Im Gegenzug sorgte Fábio dafür, dass sich Eric wieder jung fühlte. Wenn nicht das Bild zu realistisch wäre …

Aus dem Grund hatte Fábio zum Pinsel gegriffen und die Schatten in den Hautfurchen mit hellerer Farbe entschärft und die eine oder andere ganz verschwinden lassen. Aus künstlerischer Sicht etwas langweiliger, aber wer zahlt, schafft an. Im Wohnzimmer roch es nach Ölfarbe, daher ging er zu einem der großen Panoramafenster, um es zu öffnen.

In dem Moment öffnete sich das automatische Garagentor bei der Villa der Nachbarn. Fábio wurde schlagartig bewusst, dass er unter seinem offenen Morgenmantel komplett nackt war. So malte er am liebsten, denn dann begegneten sich Maler und Modell unter gleichen Bedingungen, egal, ob er einen Menschen porträtierte oder versuchte, die Natur einzufangen, die sich – vor fremden Blicken geschützt – im Garten bot. Aber die Nachbarin, die mit ihrem SUV aus der Garage fuhr, blickte nicht einmal ansatzweise in seine Richtung. So schnell, wie sie die Einfahrt entlang brauste, hätte er sowieso nicht mehr reagieren können.

Naja, dann hätte die Alte mal was Knackigeres als ihren Gatten gesehen, dachte er bei sich. Er ging zur Küche, um sich einen Latte zu holen.


Der sechste Teil der Alphabetgeschichten. Egal, in welchem Outfit ihr zum Pinsel greift, verkühlt euch nicht, es ist Winter 🙂

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Alphabetgeschichten: E

Eric saß an seinem Schreibtisch und rührte in seinem Kaffee. Er hatte noch die Patientendaten seiner letzten Patientin auf dem Bildschirm. Die nächste hatte abgesagt, also hatte er etwas Zeit. Eine junge Frau. Kontrolluntersuchung. Schwangerschaft. Aus medizinischer Sicht perfekt, in einem jungen, leistungsfähigen Körper heranzuwachsen. Optimale Bedingungen für das Baby. Wenn die Mutter mitspielt und die Sache nicht vorzeitig beenden will.

Die Frau war völlig fertig aus dem Behandlungszimmer gegangen. Es dauerte immer, bis man wirklich begriff, dass man schwanger war. Das rationale Denken setzt erst verzögert wieder ein, und dann muss jede für sich eine Entscheidung treffen. Was half es dem Kind, von einer Mutter großgezogen zu werden, die auch ohne Elternrolle mit der Welt völlig überfordert wäre? Man wird sehen.

Ein Vibrieren riss ihn aus seinen Gedanken. Er griff zu seinem Mobiltelefon. Eine Nachricht von Fábio: er grinste in die Kamera, und hinter ihm stand auf der Leinwand ein Bild, sein Bild, das gerade in Arbeit war. Eric zoomte mit zwei Fingern hinein. Ja, das sah besser aus. Viel besser.


Der fünfte Teil der Alphabetgeschichten.

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Alphabetgeschichten: D

Deli sah nur ein verschwommenes leuchtendes Viereck vor den Augen tanzen. Sie saß im Bus und zog die Nase hoch. Der ältere Herr, der in der gegenüberliegenden Reihe saß, schaute immer wieder zu ihr, aber sie konnte durch den Tränenschleier sein Gesicht nicht erkennen. Und eigentlich war es ihr egal, ob er mitleidig oder angewidert dreinblickte.

Schwanger zu sein, das hatte sie sich immer als etwas Wunderbares vorgestellt. Schwanger wurde man, wenn man einen festen Partner hatte und das Leben in geordneten Bahnen verlief. Eine ungewollte Schwangerschaft war etwas, was eigentlich nur anderen passieren konnte. Oder nicht?

Etwas schien sich in ihrem Bauch zu regen. Das konnte eigentlich gar nicht sein, dazu war es noch viel zu früh. Vermutlich nur die Aufregung. Und trotzdem: die Vorstellung, dass da in ihr ein kleiner Mensch heranwachsen würde. Jemand, der irgendwann Mama zu ihr sagen würde. Eigentlich wunderbar – und furchtbar zugleich.

Und der Papa? Wie würde der reagieren? Er hatte ihr eingeschärft, ihn niemals während der Arbeitszeit zu kontaktieren. Und selbst wenn: er konnte unmöglich weg vom Arbeitsplatz und wäre ihr in dieser Situation keine Hilfe. Wie konnte sie ihm erklären, was sie selbst noch nicht begriff?

Ihr Handy vibrierte. Deli rieb sich mit dem Jackenärmel die Augen trocken, so gut es ging. Eine Textnachricht von Caro. Ein Treffen. Heute Nachmittag.


Das ist der vierte Teil der Alphabetgeschichten. Gut, wenn man jemanden wie Caro hat.

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Alphabetgeschichten: C

Caro reagierte erst auf den Zuruf eines Mannes, als dieser schon wieder im Getümmel verschwunden war. Er hatte eine Entschuldigung gerufen, aber sie war so erschüttert, dass sie erst einmal gar nicht begriff, warum er sich bei ihr entschuldigte.

Sie blickte wieder aufs Handy. Deli hatte ihr geschrieben, dass sie gerade aus der Praxis gekommen war und erfahren habe, dass sie schwanger sei. Das kam nun für beide völlig unerwartet. Und Deli war fix und fertig.

Caro überlegte. Sie hielt nicht viel von Delis Freund und war sich sicher, dass er in Anbetracht dem Umstände kneifen würde. Karantino als Papa? Nie im Leben!

Andererseits wäre eine Trennung von diesem Perversling in dieser Situation das Allerbeste, auch wenn Deli davon bisher nichts hören wollte. Was sie nur an ihm fand, dass sie seine Obsession für Nacktfotos und Videoaufnahmen beim Sex stillschweigend ertrug? Caro wusste, dass Deli das nicht wollte. Deli wusste allerdings nicht, dass er mehrfach versucht hatte, Caro für ein ›Fotoshooting‹ zu gewinnen. Outfit sei egal (weil er sie nackt ablichten wollte), und zum Aufwärmen lieber Sekt oder Wein? Sie hatte ihm irgendwann unmissverständlich zu verstehen gegeben, wohin er sich seine Kamera würde schieben können, und seitdem war keine Anfrage mehr gekommen.

In dem Zusammenhang war der Spitzname Karantino entstanden. Der unmögliche Mensch hieß in Wirklichkeit Quentin Karan, und in seiner Obsession für Filme, in diesem Fall spezielle Filme, stand er seinem Fast-Namensvetter in nichts nach.

Aber eigentlich und in erster Linie ging es jetzt um Deli, die verzweifelt war und auf alle Fälle Unterstützung brauchte. Und auch sie selbst brauchte dringend einen Ort, in dem sie einen klaren Gedanken fassen und dann eine Nachricht tippen konnte. Deli saß vermutlich auf Kohlen. Caro erspähte eine Bäckerei mit einem leeren Stehtisch darin und drückte sich hinein.


Das ist der dritte Teil der Alphabetgeschichten. Deli muss leider bis nächsten Montag auf Antwort warten. Habt eine schöne Woche!

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Alphabetgeschichten: B

Ben bekam Seitenstechen. Was für ein beschissener Start in den Tag! Er hatte gestern Abend vermutlich das Ladekabel nicht richtig angesteckt und deshalb war dem Mobiltelefon irgendwann in der Nacht endgültig der Saft ausgegangen. Folglich hatte am Morgen kein Wecker geklingelt, und wenn die Müllabfuhr nicht so laut gewesen wäre, würde er noch immer selig im Bett schlummern.

Jedenfalls sollte er seit über einer Stunde an seinem Arbeitsplatz sein. Er wollte dort anrufen und Bescheid geben, aber das Handy war ja leer. Als ihm das vor der Haustüre bewusst wurde, wollte er kehrt machen und das Netzteil holen, damit er wenigstens in der Arbeit den Akku laden könnte, aber in der Hektik hatte er die Tür zugezogen und den Schlüssel auf der Kommode liegen gelassen.

Immerhin hatte er den Geldbeutel und die Busfahrkarten bei sich, aber der Bus fuhr ihm dann auch noch vor der Nase weg, weshalb er nun keuchend zur nächsten Haltestelle lief. Dort fuhren die Busse im Sechs-Minuten-Takt, nicht alle 25 Minuten wie in seiner Straße.

Er blieb kurz stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Zum wiederholten Male holte er sein Mobiltelefon aus der Tasche, aber der Bildschirm blieb schwarz. Verrückt, dass man sich solche Automatismen angewöhnt.

In dem Moment sah er einen Bus, seinen Bus, über die Kreuzung fahren. Ben spurtete los – und rempelte eine Frau an, die mitten auf dem Gehweg stand und entgeistert auf das leuchtende Viereck in ihrer Hand starrte. Er drehte sich im Laufen halb um und rief eine Entschuldigung in ihre Richtung, aber die Frau schien ihn gar nicht zu beachten. Auch recht.


Der zweite Teil der Alphabetgeschichten, nächsten Montag geht es weiter. Habt einen ruhigeren Wochenstart als Ben!

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Alphabetgeschichten: A

Anne Dering setzte sich an ihren Platz im Café. Direkt am Fenster konnte man das draußen pulsierende Leben aus sicherer Distanz beobachten: dabei, aber nicht mittendrin. Sie legte sich Stift und Block bereit.

Der Raum schien wie geschaffen zum Schreiben: Draußen warf die Vormittagssonne ein leuchtendes Dreieck auf die Fassaden der historischen Häuserreihe. Die hohen Häuser und das Vordach sorgten dafür, dass die Sonne nie direkt ins Café strahlte, egal zu welcher Tageszeit. Schwere Vorhänge und gedeckte Wandfarben hüllten den Raum in ein stimmungsvolles Halbdunkel. Das gedämpfte Licht der Hängelampen über den Tischen bildete kleine Lichtpfützen auf dem dunklen Holz. Es duftete nach Kaffee und alten Möbeln.

Auch die Geräusche schienen nur zögerlich ins Café zu dringen, klangen leise und gedämpft, fast wie ein Nachhall dessen, was vor dem Café passierte. Ab und zu stieß die Kaffeemaschine ihr gutmütiges Fauchen aus, wenn Milch geschäumt wurde. Ein gezähmter Drache, der tagsüber in einer Apparatur aus Metall lebte. Abends, wenn die Tür hinter dem letzten Gast verschlossen wurde, durfte er heraus und bekam den Rest vom Kuchen und eine Schale Kaffee (natürlich ohne aufgeschäumte Milch, Drachen trinken ihren Kaffee schwarz!), bevor er aus dem Fenster zum Innenhof in den Nachthimmel entlassen wurde, um nachts unbemerkt seine Kreise über den Himmel zu ziehen und im Wald nach kleinen Tieren zu jagen. Interessante Vorstellung …

Die Bedienung brachte ihr einen Cappuccino und riss Anne aus ihren Gedanken. Draußen hetzte ein Mann vorbei, mit rotem Gesicht. Völlig außer Atem.

Sehr gut. Anne griff zum Stift.


Mit dieser Geschichte beginnen die Alphabetgeschichten. Jeden Montag kommt (voraussichtlich) ein weiterer Buchstabe und eine kleine Geschichte, die mit der vorigen Episode zusammenhängt.

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