Alphabetgeschichten: P

Pauline saß in der Küche. Sitzen war in Ordnung, aber sobald sie aufstand, drehte sich alles um sie. Sie fühlte sich unsicher. Oskar war unterwegs, um die nötigsten Dinge einzukaufen. Normalerweise machten sie das immer zu zweit, aber heute – es wäre beim besten Willen nicht gegangen.

Draußen war ein Klappern zu hören. Die Briefträgerin brachte die Post. Hoffentlich sah sie sie jetzt nicht so da sitzen! Ihre Wohnung war im Erdgeschoss, direkt neben dem Hauseingang. Normalerweise flocht Pauline ihre Haare immer und drehte den Zopf zu einem Dutt, aber das war heute nicht möglich. Vor dem Spiegel stehen ging gar nicht, und selbst wenn sie im Sitzen die Arme über den Kopf hob, wurde ihr wieder schwindlig.

Trotzdem stand Pauline auf und ging langsam zum Fenster, um den Vorhang zuzuziehen. Nicht auszudenken, wenn jemand sie so sehen würde! Beim Fenster hielt sie inne, denn der Raum schwankte so sehr, dass sie sich am Fensterbrett festhalten musste. Sie schloss die Augen. Das war etwas besser. Sie hörte ein rhythmisches Pochen. Klopfte da jemand, vielleicht die Briefträgerin? Oder war das ihr Herz?


Der 16. Teil der Alphabetgeschichten. Hoffentlich geht es euch allen gut?!

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Alphabetgeschichten: O

Oskar fuhr langsam weiter. Die Leute wurden immer unvorsichtiger, liefen einfach auf die Straße. Wenn er nicht rechtzeitig gebremst hätte, dann …

Er überlegte. Wohin war er unterwegs? Ach ja, er sollte einkaufen. Allein, weil es seiner Frau nicht gut ging. Dummerweise hatte er den Einkaufszettel auf der Anrichte liegen gelassen. Aber es waren nur fünf Dinge auf der Liste. Oder sechs?

Während der Fahrt hatte er sie ständig wiederholt, um ja nichts zu vergessen. Und durch den Schreck hatte er komplett den Faden verloren. Eier waren auf alle Fälle dabei. Seine Frau wollte einen Kuchen backen. Also Zucker? Oder Mehl? Außerdem irgendein Waschmittel. Grüne Flasche. Oder war es Haushaltsreiniger? In dem Moment sah er, dass er an der Einfahrt zum Parkplatz vorbeigefahren war.


Der 15. Teil der Alphabetgeschichten. Das Problem mit dem Einkaufszettel …

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Alphabetgeschichten: N

Nick grinste wie ein Honigkuchenpferd. Die Sonne schien vom Himmel, es war angenehm warm. Besser konnte es doch kaum kommen, dachte er.

Warum andere Menschen unglücklich durchs Leben gehen, konnte er nicht nachvollziehen. Eine gute Freundin meinte neulich, er würde vermutlich selbst im Schlaf dauernd grinsen. Gut möglich, aber das konnte er nicht überprüfen. Und weil er gerade Single war, hatte er auch niemanden, der das in der Nacht mal checken könnte. Aber das machte nichts.

Ein Mann stand auf dem Gehweg, der sich ein Telefon ans Ohr hielt und unglücklich aussah. Armer Kerl. Direkt daneben stand ein Laster. Nick sah das Schild im Fenster und musste noch mehr grinsen. Der Fahrer hieß wie er, na sowas?

Er ging vor dem Führerhaus auf die Straße und wollte sie Straßenseite wechseln, als ein Auto neben dem Laster auftauchte und der Fahrer eine Bremsung hinlegte. Nick wäre sowieso stehen geblieben, aber der Mann im Auto konnte ja keine Gedanken lesen. So spät, wie der gebremst hatte, hätte es aber sowieso nichts mehr gebracht. Nick hob entschuldigend die Hand und tänzelte vor dem Auto über die Straße. Ein älterer Herr saß drin, der immer noch geschockt wirkte. Nick hielt einen Daumen hoch und setzte dann seinen Weg fröhlich pfeifend auf der anderen Straßenseite fort.


Der 14. Teil der Alphabetgeschichten. Ich hoffe, euch geht es gut und ihr habt ein sonniges Gemüt wie Nick 🙂

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MenschenLeben

der Mensch tritt ein
ins Leben

alles fühlt sich neu an
wie ein Abenteuer
das unzählige Überraschungen
bereithalten wird

weiß nicht, was er will
weiß nicht, was er wollen soll
weiß nicht, was andere von ihm wollen

weiß noch nicht:
das Leben will
von Anfang an
uns alle verwirren


der Mensch steht fest
im Leben

alles fühlt sich wie immer an
wie ein Wochentag
der nur auf das Gestern
folgt

hätte gern, was er will
hätte gern, was er haben soll
hätte gern, was andere auch haben

hat noch nicht erkannt:
das Leben kann
dann und wann
uns alle verführen


der Mensch hängt sehr
am Leben

alles fühlt sich vertraut an
wie ein guter Freund
der den letzten Schritt
vorausgegangen ist

will nicht wahrhaben, was er weiß
will nicht wahrhaben, was er wissen muss
will nicht wahrhaben, was andere darüber wissen

wahr ist:
das Leben wird
zu guter Letzt
uns alle vernichten


Dieses Gedicht ist für mich eine Art düsterer Nachfolger zu Kreislauf und lag deshalb lange in der Schublade. Der Kommentar von wolkenbeobachterin zu dem Gedicht drei ecksbeziehungen hat mich ermutigt, es hier zu veröffentlichen.

Alphabetgeschichten: M

Mike hielt das Telefon in der einen und die Visitenkarte in der anderen Hand. ›Benjamin Weiler, ihr persönlicher Ansprechpartner‹ stand darauf. Und der war nicht erreichbar, weder im Büro noch unter der Mobilnummer. Saftladen.

Der Lastwagenfahrer lud derweil fröhlich pfeifend den Rest der Bestellung ab. Natürlich konnte der nichts dafür, dass die Hälfte der Ware nicht bei der Lieferung dabei war, aber die gute Laune empfand Mike nicht als ansteckend, sondern als Provokation. Deshalb ging er ein kleines Stück den Gehweg entlang, dorthin, wo die Markise seiner Kneipe zu Ende war und die Sonne auf den Asphalt leuchtete. Im Führerhaus des LKW war normalerweise immer ein Schild mit dem Namen des Fahrers: Nick. Scheinbar ein Neuer, jedenfalls war der vorher noch nie hier gewesen, obwohl Mike jetzt schon seit Jahren die Kneipe führte und regelmäßig einmal die Woche eine Lieferung bekam, um die Vorräte wieder aufzufüllen.

Nick also. Friede, Freude, Sonnenschein. Mike schirmte das Display seines Telefons mit der Hand ab und wählte noch einmal die Mobilnummer.


Der 13. Teil der Alphabetgeschichten. Hoffentlich läuft bei euch alles glatt … 😉

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Alphabetgeschichten: L

Ljudmila wälzte sich im Bett hin und her. Den leichten Schlaf hatte sie nun seit der Geburt ihrer Tochter, und obwohl das Mädchen nun bald 23 Jahre wurde, war sie beim kleinsten Geräusch sofort wach.

Vor dem Nachbargebäude wurde ein LKW entladen, und das Geräusch von klappernden Glasflaschen war auch im Schlafzimmer deutlich zu hören. Sie richtete sich auf und blickte auf die Uhr. Vor dreieinhalb Stunden war sie aus der Nachtschicht heimgekommen, hatte mit ihrem Mann ein paar Worte gewechselt, der früh zur Arbeit musste, und sich dann hingelegt.

Die Lieferungen kamen jede Woche, und normalerweise dauerte das Ganze keine halbe Stunde. Danach würde es ruhig sein, bis der Schulbus kam, dessen Haltestelle auch in Hörweite lag. Dann würde sie aufstehen.

Ljudmila legte sich zurück und lauschte dem Klimpern von Glas.


Der 12. Teil der Aphabetgeschichten – heute etwas später (und kürzer) …

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wanderer zwischen den welten

jeder kennt dich
wie du vorgibst zu sein
keiner weiß
wer du wirklich bist

tag sei dein bruder
nacht deine schwester
treue familienbande
geschmiedet aus blendung und schatten
doch du wanderst allein

selbstsicher bewegst du dich auf verschlungenen pfaden
die dein wahres selbst sicher umschließen
nichts und niemand mehr dorthin lassen
noch nicht einmal dich selbst

immer die passende maske
um dein gesicht zu wahren
denn darunter ist nichts mehr
das menschliche züge trägt

Alphabetgeschichten: K

Karl wandte sich den anderen Mülltonnen zu, als er sah, dass Jakob nun wieder voll bei seiner Arbeit war. Ein prima Kerl, ein bisschen einfältig, aber tüchtig. Lebte bei seiner Großmutter. Jakob war ungefähr so alt wie Zoja, seine Tochter. Karl war stolz auf Zoja. Sie studierte irgendetwas, das mit Computern und dem Internet zu tun hatte, und obwohl Karl nicht genau verstand, was sie da eigentlich machte, wusste er, dass sie es schaffen würde, genau so, wie er und seine Frau es geschafft haben. Als sie vor 21 Jahren nach Deutschland gekommen waren, war Zoja ein kleines Baby gewesen.

Der Job bei der Müllabfuhr war nicht sein Traum, aber als Mechaniker hatte er lange Zeit eine Stelle gesucht und keine Arbeit gefunden. Wenigstens hatte seine Frau an ihren früheren Beruf anknüpfen können, und mittlerweile hatte er sich mit der Tatsache abgefunden, bis zum Ruhestand Mülltonnen durch die Gegend zu wuchten.

Er dachte an seine Frau und hoffte, dass seine Mila nach der Nachtschicht wenigstens ein bisschen Schlaf finden würde.


Der 11. Teil der Alphabetgeschichten.

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Alphabetgeschichten: J

Jakob blickte der Gestalt nach, die mit dem Fahrrad an ihm vorbeirauschte. Das weiße Kleid flatterte im Wind, und die junge Frau schien irgendwie von innen zu leuchten. Ihr Gesicht war wunderschön. Seine Oma hatte ihm oft von Engeln erzählt. Seine Mama war einer. Beim Papa war sich die Oma nicht ganz sicher. War das auch ein Engel gewesen, da auf dem Fahrrad? Vielleicht sogar Mama? Er konnte sich nicht mehr an sie erinnern, sie war schon in Himmel gegangen, als er noch ganz klein war. Oma zeigte ihm manchmal Fotos, und auch da war eine wunderschöne Frau mit Locken abgebildet. Oma sagte auch, dass seine Mama dort oben auf ihn warten würde.

Die Weste hatte sich im Wind gebläht. Bestimmt waren da Flügel darunter versteckt. Ein Engel!

Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. Eine tiefe Stimme mit dem lustigen ›r‹ sagte: »Jakob, träume nicht.« Er wandte sich der Mülltonne zu, die am Straßenrand stand. Er durfte auf keinen Fall vergessen, seine Oma zu fragen, ob Engel manchmal wieder auf die Erde kommen.


Der 10. Teil der Alphabetgeschichten. Ich wünsche euch alles Gute für das neue Jahr, egal, ob mit oder ohne Engeln 🙂

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