Alles in Butter !?

Böse Zungen unterstellen Männern ja eine gewisse Eindimensionalität im Zusammenhang mit Milchfettprodukten unter haushaltsüblichen Lagerbedingungen („Schatz, wo ist denn die Butter?“). Aber auch Menschen wie ich, die mit zwei X-Chromosomen pro Zelle durchs Leben gehen, sind hier und da überfordert, wenn es um das Auffinden von bestimmten Lebensmitteln zum Zwecke der heimischen Bevorratung geht.

Ich finde mich vor dem Kühlregal des Supermarktes meines Vertrauens wieder. Mich beschleicht einmal mehr das Gefühl, dass (a) das Angebot an Milchprodukten viel zu umfangreich ist und (b) die Regale immer dann umsortiert werden, wenn man sich durch wiederholtes Einkaufen endlich eingeprägt hat, an welchem Platz man die Artikel findet. Was macht der Quark in Magerstufe an der Stelle, wo sonst die mild gesäuerte Bergbauernbutter meinen Blick erfreute und meiner Hand schmeichelte?

Zu allem Übel befindet sich einer der zahllosen Lautsprecher direkt über besagtem Kühlregal. Wie der erste Wortbestandteil zweifelsfrei nahelegt, ist die daraus erschallende Musik, nun ja, laut. Wilhelm Busch meinte hierzu einmal: Musik wird oft nicht schön gefunden, weil stets sie mit Geräusch verbunden. Dem kann ich aus tiefstem Herzen zustimmen.

Mir ist bewusst, dass ich mit dieser Meinung vermutlich einer schweigenden Minderheit angehöre. Grundsätzlich habe ich ja auch nichts gegen Musik, aber die wahllose Dauerbeschallung verfehlt bei mir den Zweck, für eine angenehme und verkaufsfördernde Atmosphäre zu sorgen. Darüber hinaus passt das dargebotene Liedgut meist nicht zur Situation. Hier könnte Musik parallel zur Unterhaltung als Informationsmedium dienen. Der Klassiker no milk today von den Herman’s Hermits wäre (a) gefällig (zumindest aus meiner persönlichen Sicht) und (b) würden milchbedürftige Käufer schon in Hörweite vor dem Kühlregal erfahren, dass eine eingehendere Suche völlig sinnlos wäre. Die Zeitersparnis und die gesundheitlichen Vorzüge (Stichwort: Stressvermeidung) wären sicher von volkswirtschaftlicher Signifikanz.

Nicht so hier. Aus dem Lautsprecher schallt die musikalische Verarbeitung einer gescheiterten Liebesbeziehung zum Zwecke der kommerziellen Vermarktung. Nichts, was die Suche erleichtern würde, und auch die Tatsache, dass es anderen Menschen eventuell noch schlechter geht als mir, spendet mir nur geringen Trost. (Abgesehen davon würde es mich nicht wundern, wenn der Liedtext frei erfunden wäre und keinerlei Bezug zur Realität hätte, aber das nur nebenbei.)

Mir kommt das Gedicht von Joseph von Eichendorff in den Sinn:

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Eine zweite Strophe drängt sich auf:

Tönt Musik aus allen Ecken,
keiner hört mehr richtig zu;
kannst dich nicht vor ihr verstecken,
findest nirgends deine Ruh.

Was ich außerdem nirgends finde: die mild gesäuerte und bereits oben erwähnte Bergbauernbutter.

Fiktion?

Ein nicht ganz ernst gemeinter Fragebogen – viel Spaß damit!



Sind Sie ein fiktionaler Charakter? Führen Sie ein Leben, wie es im Buch steht?

Ein einfacher Test verschafft Klarheit darüber, ob Sie jemand sind, der von jemand anderem erdacht worden sein könnte, sei es als Romanfigur, Protagonist in einem Drehbuch etc.

Mögliche Anzeichen:

Familie/Freundeskreis

Anagramme sind Worte oder Wortkombinationen, die andere sinnvolle Worte bilden, wenn die Buchstaben passend umgestellt werden. Solche Anagramme liefern manchmal einen entscheidenden Hinweis auf das, was im weiteren Handlungsablauf passieren wird.

Einige Beispiele:

  • Angi Weller (Langweiler)
  • Fritz Wuig (Witzfigur)
  • Ines Heldrup (Superheldin)
  • Ulf + Tina Gernet (finale Rettung)

Bilden die Namen Ihrer Familienangehörigen oder Ihrer Freunde (oder auch ihr eigener) ein Anagramm? Beziehen Sie eventuell auch den Beruf der Personen ein.

Irrationale Ereignisse

Logisch nicht erklärbare Verhaltensweisen sowohl in Ihrer näheren Umgebung als auch auf nationaler/internationaler Ebene deuten auf eine konstruierten Plot hin. Was will uns der Autor damit sagen? Verhalten sich Menschen irrational und unlogisch, obwohl wir in aufgeklärten Zeiten leben?

Kausalitäten und Korrelationen

Um die Geschichte voranzubringen, sind Autoren gezwungen, die Handlung nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. Das gelingt nicht immer so, dass es sich „natürlich“ anfühlt. Passieren Ihnen seltsame Dinge, vielleicht sogar grundlos?

Träume und Déjà-vus

Diese deuten auf alternative Handlungsentwürfe hin, die der Autor schon ausformuliert hatte und die zu diesem Zeitpunkt auch passiert wären, die er letzten Endes aber wieder verworfen hat. Hatten Sie in letzter Zeit Träume und Déjà-vus?

Innere Zwänge

Machen Sie oft Dinge, die Sie gar nicht tun wollen? Dies können ganz normal wirkende, wiederkehrende Handlungen sein, über die man gar nicht mehr nachdenkt, aber auch singuläre Ereignisse. Denn natürlich schreibt Ihnen der Autor ganz genau vor, was Sie zu tun und zu lassen haben.

Obskure Botschaften

Hinweise dieser Art deuten auf eine besondere Sprachverliebtheit eines Autors und sind oft schwer zu finden. Sie sind als Schreibfehler in Zeitungsberichten und Internetartikeln getarnt, in den Anfangsbuchstaben von Sätzen oder Überschriften versteckt. Manchmal treten sie in Form von scheinbar sinnlosen Anzeigen an schwarzen Brettern etc. auf. Haben Sie in der letzten Zeit ein oder mehrere dieser Beispiele beobachtet oder gar entschlüsselt?

Nummern und Zahlen

Auch in scheinbar zufälligen Ziffernfolgen (Telefonnummern, Kontodaten etc.) können Botschaften versteckt sein. Einen starken Hinweis auf konstruierte und nicht wirklich zufällige Zahlenfolgen liefern vor allem die 3, die 7 und die 12. Tauchen diese Zahlen verstärkt in Ihrem Umfeld auf?


Haben Sie eine oder mehrere Fragen mit Ja beantwortet, spricht das dafür, dass Sie von jemand anderem erdacht wurden. Sollte dies der Fall sein, hoffen wir natürlich mit Ihnen, dass die Geschichte für Sie gut ausgeht.



Das Dokument ist auch als PDF verfügbar. Ich wollte ein paar davon ausdrucken und in der Stadt aufhängen (ganz im Sinne von Calvins Motto, den Tag eines jeden ein bisschen surrealer zu gestalten) – aber nun hat mein Drucker seinen Dienst für immer verweigert. Was will mir der Autor damit sagen?

honigkuchenpferd

»Lass dich überraschen«, sagte er und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Und weiter? Ich saß an meinem Schreibtisch und starrte auf den Bildschirm. Mist. Vorhin war ich noch total motiviert gewesen, an der Geschichte weiterzuschreiben, und jetzt überfiel mich gähnende Leere im Kopf und bleierne Müdigkeit. Ich gähnte. Vermutlich war die Euphorie von meinem Unterbewusstsein vorgegaukelt worden, um mich von der längst fälligen Einkommensteuererklärung abzuhalten. Neben der Tastatur lag ein Stapel mit Rechnungen und Belegen.

Ich ließ den Blick aus dem Fenster schweifen. Vorhin war es noch sonnig gewesen, aber jetzt zogen dunkle Wolken auf, und es sah ganz nach Gewitter aus. Auch das noch. Ich stützte meinen Kopf in die Hände und schloss die Augen. Kaffee wäre jetzt vermutlich genau das Richtige, aber dazu musste ich aufstehen. Gleich. Nur noch einen kleinen Moment ausruhen.

Ein seltsames Geräusch drang an mein Ohr, und ich öffnete die Augen. Die Worte auf dem Bildschirm schienen zu flimmern und dann sah es so aus, als würden sie sich von der Monitorfläche ablösen. Was war das denn? Ich rieb mir die Augen und schaute genauer hin. Das Wort ›Honigkuchenpferd‹ schwebte nun eine Handbreit vor dem Display in der Luft. Es schien zu zittern und zu beben, und in meinem Kopf erklang eine Stimme. Eine helle, aber ziemlich zornige Stimme. Nein, sogar mehrere. Drei, um genau zu sein.

»Was rückst du mir so nah an die Pelle? Rutsch‘ gefälligst!«

»Können vor Lachen. Du klebst doch an mir!«

Der oder die Dritte im Bunde gab nur ein abfälliges Schnauben von sich.

»Was ist da los?«, fragte ich verwundert. Wildes Durcheinandergeplapper war die Antwort.

»So verstehe ich gar nichts. Könnt ihr mal der Reihe nach sprechen – wer auch immer ihr seid?«

Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass das Wort ›Honigkuchenpferd‹ zu mir sprach, oder genauer: die drei Wortbestandteile ›Honig‹, ›Kuchen‹ und ›Pferd‹. Letzteres war ziemlich gutmütig und meinte nur, dass es lieber über irgendwelche Wiesen galoppieren würde, anstatt hier mit den anderen beiden Dumpfbacken zusammenzuhängen, und Kuchen sei zwar im Allgemeinen lecker, aber auf die Dauer halt auch nicht immer das Richtige. Der Kuchen fühlte sich eingezwängt und könne sich zwischen den beiden anderen gar nicht entfalten, während Honig jammernd klagte, dass seine Klebrigkeit doch in seiner Natur läge, sonst wäre er schon längst auf und davon.

Ich staunte, denn bis dato hatte ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, dass es Probleme bereiten könnte, Worte zu größeren Einheiten zusammenzusetzen. Macht man doch so bei uns: Donaudampfschifffahrtsgesellschaft.

»Ist das jetzt nur ein Problem zwischen euch dreien, oder …«

Wie auf Kommando meldete sich das Wort ›Einkommensteuererklärung‹ zu Wort, das sich aus der dicken Bleistiftumrandung löste, mit der ich es auf dem Notizblock markiert hatte. Steuer war der Wortführer. Wie gerne wäre es ein Steuer auf einem Piratenschiff und würde die Matrosen in Abenteuer führen, statt auf trockenen Formularen sein Dasein zu fristen. Ich warf vorsichtig ein, dass es hier ja um die Steuer und nicht um das Steuer ging, aber darauf ging sie/es gar nicht ein. Das Einkommen brachte ein paar völlig verrückte Thesen vor, und mir drängte sich der Eindruck auf, dass hier ein Wort mit Persönlichkeitsspaltung vorlag, und beide Teile wollten unbedingt zu Wort kommen. Die Erklärung wollte nicht viel dazu sagen, und ich konnte nicht herausfinden, warum.

Schließlich wurde mir das Genörgel zu bunt. »Ich hole mir jetzt einen Kaffee, wollt ihr auch welchen?«

Kuchen meinte, das würde gut passen. Honig und Pferd lehnten aus verständlichen Gründen ab. Das Einkommen hatte Angst, von hohen Haushaltsausgaben geschmälert zu werden, während das Steuer von irgendwelchen langen Autofahrten durch die Nacht zu schwadronieren begann. Die Erklärung schwieg beharrlich.

Als ich mit dem Kaffee zurück kam, sah alles aus wie vorher. Ich rieb noch einmal meine Augen, aber nun bewegte sich nichts mehr. Alle Worte waren an ihren angestammten Platz zurückgekehrt. War das nur ein Traum gewesen?

Ich las noch einmal den letzten Satz auf dem Monitor und musste grinsen. Wie ein Pferd des Kuchens des Honigs.

achtlos

Die Wiese lag da in der warmen Abendsonne.
Der Junge nahm theatralisch Anlauf und schlug
(unter den bewundernden Blicken des Mädchens)
einen Purzelbaum nach dem anderen.

Lachend zogen sie weiter,
achtlos.
Die geschlagenen Purzelbäume blieben zurück,
ächzend und mit blauen Flecken auf der Borke.


Der Park lag da in der hellen Mittagssonne.
Das Mädchen saß anmutig auf der Bank und ließ
(unter den bewundernden Blicken des Jungen)
ihren Schatten aufs Steinpflaster fallen.

Lachend zogen sie weiter,
achtlos.
Der gefallene Schatten blieb zurück,
aufgeschürft und lädiert unter der Parkbank.


Die Schule lag da in der kühlen Morgensonne.
Das Mädchen und der Junge liefen johlend voraus und zerrissen
(unter den bewundernden Blicken der Klassenkameraden)
die Stille in den Gängen.

Lachend zogen sie weiter,
achtlos.
Die zerrissene Stille blieb zurück
erschrocken und verängstigt in staubigen Winkeln.


Im Mathetest konnten beide
einundzwanzig minus dreizehn nicht richtig lösen.
Er kam auf neun,
sie auf sieben.

mutatis mutandis

Er freute sich, nach dem Lockdown endlich wieder mal leibhaftig in sein Büro gehen zu dürfen und die Kollegen wiederzusehen – wenn auch nur für einen Tag. Heute war Mittwoch, und für die beiden verbleibenden Arbeitstage waren dann schon wieder Videokonferenzen angesagt.

Etwas früher als üblich öffnete er die Bürotür. Er war zeitig losgefahren, um auf alle Fälle pünktlich zu sein. Und aus Vorfreude. Der Schreibtisch sah noch genau so aus, wie er ihn verlassen hatte. Nein, nicht ganz. Jemand hatte Staub gewischt und seine Unterlagen etwas säuberlicher geordnet. Er hätte nie gedacht, sich einmal so über den Anblick seines Arbeitsplatzes zu freuen.

Weil sonst keiner im Raum war, löste er die Maske vom Gesicht und ließ sie an seinem rechten Ohr baumeln. Er sog die Luft ein. Es roch abgestanden, und außerdem hing noch ein anderer Geruch in der Luft, den er nicht recht zuordnen konnte. Er ging zur Fensterreihe und kippte beide Fenster. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch. Den Computer schaltete er noch nicht ein. Stattdessen saß er einfach da und dachte über die vergangenen drei Monate nach.

Die Arbeit von zu Hause aus hatte ganz gut funktioniert, aber für ihn als Teamleiter war es trotzdem besser, wenn er vor Ort mit den Leuten sprechen konnte. Kleine Veränderungen im Tonfall, in der Körperhaltung und in der Mimik sagen manchmal mehr als tausend Worte, aber diese zusätzlichen Informationen kommen bei einer Videokonferenz kaum durch. Erstens sieht man nur das Gesicht und nicht den ganzen Gesprächspartner, zweitens hängt dann mal wieder das Netz, die Stimme klingt blechern, das Bild hängt eine Viertelsekunde hinterher – und schon stimmt nichts mehr, ist der Bezug zum Gegenüber weg, reduziert auf das gesprochene Wort.

Seine Hand wanderte an der Kante des Schreibtisches entlang. Aus einem Impuls heraus öffnete er die oberste Schublade. Textmarker, Kugelschreiber, ein vermutlich komplett eingetrocknetes Fläschchen Tipp-Ex – alles Remineszenzen an die Zeit, als das Büro noch etwas weniger papierlos war als heutzutage. Das Fach darunter bot theoretisch Platz für mehrere Aktenordner, aber meistens stand darin eine Wasserflasche und ab und an etwas zu Essen für die Mittagspause, wenn er wusste, dass er an dem Tag wohl keine Zeit – oder keine Lust – auf das Kantinenessen hatte. Darin befand sich ein in Aluminiumfolie gewickeltes Päckchen.

Die Leberkassemmel! So hieß das hier, und er konnte es mittlerweile so aussprechen, dass seine Kollegen nicht mehr feixten. Mike hatte sie ihm besorgt, und er hatte sie hier verstaut, um sie nach der Telefonkonferenz zu essen. Die dauerte dann länger, und dann wollte der Chef mit ihm sprechen, und dann … irgendwie musste er sie komplett vergessen haben. Genießbar war die nun leider nicht mehr, nach drei Monaten. Schade drum. Aber das erklärte wohl den eigentümlichen Geruch.

Er wollte nach ihr greifen, als er bemerkte, dass sich die Aluminiumfolie ganz leicht bewegte, so als würde das Päckchen atmen. Atmen? Blödsinn. Aber tatsächlich: ein kleiner Teil der Folie bewegte sich rhythmisch, wölbte sich um ein Winziges vor, zurück, vor, zurück, vor …

Er erschrak, als Moni, seine Kollegin, in der Tür stand und ihn begrüßte. Er glaubte, ein spitzbübisches Grinsen hinter der Maske erahnen zu können. Vermutlich hatte sie seinen Schrecken bemerkt, wollte vielleicht sogar genau das erreichen. Typisch Moni. Wie immer. Auch das hatte er vermisst. Sie teilte ihm noch mit, dass der Chef ihn kurz sprechen wollte, also schloss er die Klappe und pfriemelte sich die Schutzmaske wieder vors Gesicht.


Als er am Montag wieder zur Arbeit kam, fiel ihm das Aluminiumpäckchen wieder ein. Am Mittwoch war die Freude darüber, wieder im Büro zu sein, bei allen groß gewesen. Fast größer noch war der Mitteilungsdrang einiger Kollegen, sodass er jetzt über deren Privatleben und die Krankheitsgeschichten der kompletten Verwandtschaft während des Lockdown voll im Bilde war. Die Leberkassemmel aber, die er ja entsorgen wollte, hatte er vergessen. Er öffnete die Klappe und fand das Päckchen zerstört vor. Reste der Papierserviette lagen in kleinen Fetzen im Fach, und in der Alufolie klaffte ein großes Loch. Hatte die Putzfrau seinen Nachlass entsorgt? Aber dann hätte sie wohl auch die Folie weggeworfen. Er beugte sich tiefer, um das Fach genauer in Augenschein nehmen zu können, aber in dem Moment klingelte das Telefon.

Den Rest des Tages hatte er sein Fach und den Inhalt fast vergessen, aber als die Uhr das baldige Arbeitsende anzeigte, fiel es ihm wieder ein. Vorsichtig öffnete er die Klappe und spähte hinein. Die Papierfetzen waren verschwunden, und auch ein Teil der Aluminiumfolie fehlte nun. Dafür war ein leises Fiepen zu hören. Ein Tier, dass versehentlich eingeschlossen war und sich nun von seiner vergammelten Semmel hatte ernähren müssen?

Er nahm sein Handy und schaltete die Taschenlampe ein. Vorsichtig ging er in die Hocke und leuchtete in das Fach. Was er sah, erschreckte ihn so, dass er fast nach hinten umgefallen wäre. Vor Schreck und Verblüffung stieß er einen gedämpften Schrei aus – und aus den Tiefen des Faches kam ein nicht minder aufgebrachtes, erschrockenes Quieken. In der hintersten Ecke kauerte ein Lebewesen, fast so groß wie eine Faust, und blickte ihn aus drei großen Augen an.

Weil keine akute Gefahr von dem Wesen auszugehen schien, beruhigte er sich und betrachtete es neugierig. Schön sah es nicht aus, die Haut war von einem blassen Rosa, an einigen Stellen wuchsen kleine braune Haarbüschel, und es wirkte wie ein flachgedrückter Ball, dem in seltsamen Winkeln Beine gewachsen waren. Er kniete sich nun hin und versuchte, das Wesen mit ruhiger Stimme weiter nach vorne zu locken, was ihm nach kurzer Zeit und mit einem alten Keks als Köder gelang (ebenfalls aus Vor-Lockdown-Zeiten, seitdem war er in keinem Café mehr gewesen).

Was nun? Die Kollegen waren schon gegangen, und er brachte es nicht übers Herz, das Lebewesen in seinen Schreibtisch einzuschließen. Das würde außerdem das Problem nicht lösen, sondern nur verschieben. Vorsichtshalber legte er die Maske an, dann streckte er vorsichtig die Hand nach dem Wesen aus, das nun tatsächlich behutsam und leise fiepend auf seine Handfläche krabbelte. Er war schwerer als gedacht, aber angenehm weich und warm. Es schloss die Augen, schmiegte sich in seine Handfläche und zog seine Stummelbeinchen an den Körper.

Es war nicht daran zu denken, damit aus dem Büro zu spazieren. Alle möglichen Leute könnten ihn sehen und Fragen stellen, Fragen, die er selbst nicht beantworten konnte. Warum er mit einem so hässlichen Teil herumliefe? Was das überhaupt sei? Dass er eine seltsame Zuneigung empfand, konnte und wollte er nicht erklären. Außerdem fühlte sich die Situation surreal an, wie ein Traum. Vermutlich sollte er das Gesundheitsamt anrufen. Oder die Firmenleitung. Wer war für so etwas eigentlich zuständig?

Stattdessen setzte er das Wesen vorsichtig in seine Arbeitstasche und gab ihm den Rest von dem Keks. Ein leises Schmatzen war zu hören. Nun möglichst schnell aus dem Gebäude, hoffentlich lief ihm keiner der Kollegen über den Weg.

Vor der Bürotür wäre er fast in Moni gelaufen. Sie hatte Ihren Mantel an, die Maske angelegt und ihre Tasche bei sich. Sie schien auf ihn gewartet zu haben. Er hatte Moni gern, aber ausgerechnet jetzt? Wie lange war sie hier schon gestanden? Hatte sie ihn beobachtet? Was hatte sie gesehen? Zu allem Übel drang jetzt auch noch ein deutlich vernehmbarer, klagender Laut aus seiner Tasche. Er suchte fieberhaft nach einer Erklärung, einer Entschuldigung, einer Ausrede, aber bevor er seinen Mund aufmachen konnte, sagte Moni leise »Ich hab auch eins« und hielt ihm ihr Handy vors Gesicht. Darauf war ein Wesen zu sehen, etwa so groß wie seines, aber mit einem einzelnen Auge an einer Art Stiel aus der Körpermitte heraus und kleinen tentakelähnlichen Beinchen. Außerdem war es bläulich.

»Auch von hier?«

Sie nickte. »Seit Freitag. Ein vergessener Tomate-Mozarella-Wrap. Und bei dir?«

»Eine Leberkassemmel.«

Sie nickte wieder, wissend. Als ob es die natürlichste Sache der Welt wäre, dass vergessene Lebensmittel innerhalb kürzester Zeit einen rasanten Evolutionsschub hinlegten.

»Martin aus der Personalabteilung hat auch eins. Bei ihm war’s Pizza. Sieht nett aus. Total zutraulich.«

Sein Kopf schien zu explodieren. Moni. Martin. Er selbst. Woher kamen diese Wesen? Warum entwickelten sie sich aus vergessenen Lebensmitteln? Steckte der Lockdown dahinter? Das Virus? Oder etwas ganz anderes? Moni schien die Fragen aus seinem Gesicht abzulesen. Sie zuckte mit den Schultern. Dann erschienen Lachfältchen um ihre Augen. Sie schien zu grinsen.

»Darf ich’s mal sehen?«

Spiegelbild

Ich bin das.
Weiß ich es?
Nicht ausgeschlafen zwinkert es mir zu,
säuselt klagend wie der Wind im Geäst,
wie Gedanken – undeutlich, dann klar: „ich will heraus!“
Es flüstert: „ein Schlag befreit – selbst uns – von allem!“
„Von uns selbst befreit?“
„Schlag ein“, flüstert es, „heraus will ich!“
Klar, dann undeutlich – Gedanken wie Geäst im Wind,
der wie klagend säuselt zu mir.
Es zwinkert ausgeschlafen –
nicht es, ich weiß:
das bin ich: Spiegelbild.


Der Versuch, ein „Wort-Palindrom“ zu verfassen, also kein Wort, in dem die Buchstaben vorwärts und rückwärts gelesen dasselbe ergeben, sondern ein Absatz, in dem die Wörter vorwärts und rückwärts gelesen in der gleichen Reihenfolge auftauchen. Passend dazu musste es ja einfach um einen Spiegel gehen, oder?

Am Morgen

Am Morgen
kommt es mir so vor
als sei die Welt ganz neu
gerade eben fertig geworden
– taufrisch, sozusagen

Nachts,
wenn alle schlafen
wird sie
zerlegt,
zerstört
und wirbelt
bruchstückhaft
durch unsere Träume.

Am Morgen
entsteht sie völlig neu
unberührt und noch ganz kühl
bevor die Strahlen der neuen Sonne
sie wärmen.

Das Leben beginnt.

© Arthur Witten


Weil sich momentan alle Ideen weigern, von mir weitergesponnen zu werden, poste ich hier ein Gedicht von meinem literarischen „Seelenverwandten“ Arthur, der mich überhaupt erst dazu gebracht hat, meine Gedichte und Geschichten in einem Blog zu veröffentlichen. Ein dickes Danke dafür!

Außerdem hat er – Achtung, Werbeblock! 😉 – gerade sein erstes Buch veröffentlicht, in dem mein Gedicht Kreislauf abgedruckt ist und Wie konnte es so weit kommen? erwähnt wird. Ich bin stolz wie Bolle!

Sein Buch heißt Lichtfisch und ist vor ein paar Tagen bei Tredition erschienen. Ich habe es schon vorher lesen dürfen und bin begeistert!

die milchlieder des löwenzahn

der blauton
des himmels
erschallt
im ganzen tag
hell und klar

sonnengelbe
notenköpfe
werden vom wind
stets neu arrangiert
während ein kind
unerhörte lieder
von der wiese
pflückt

nach dem letzten
decrescendo
(der ruf der mutter
und die noten
verklungen
und verwelkt)
hallen flecken
wie ohrwürmer
auf haut und kleid
noch lange
nach

Inspiriert wurde das Gedicht durch das Gemälde eines jungen Mannes mit drei Jahren, der sich auch den Titel dazu ausgedacht hat.

Die Meerjungfrau

Ein kleines Mädchen, noch jung an Jahren
mit Sommerhut und roten Haaren
war mit seinen Eltern am Strand.
Es schien die Sonne, es wehte der Wind
und so spazierte das kleine Kind
mit Mutter und Vater an der Hand.

Die Eltern schlendern am Strand entlang,
genießen der Wellen beruhigenden Klang,
dem Mädchen wird das zu fad.
Es will schöne Steine und Muscheln entdecken,
die sich unter all dem Seetang verstecken,
hier auf dem sandigen Pfad.

So bittet das Mädchen flehentlich:
»Oh, Mama, Papa, bitte darf ich
allein im Sand laufen und flitzen?«
»Du darfst allein ein Stück weiter gehen
aber nur so weit, dass wir dich noch sehen!
Wir bleiben einstweilen hier sitzen.«

Ein Küsschen zum Abschied – dann los!
Am Meer ist es wirklich famos.
Es hört die Eltern noch hinter sich lachen.
So laufen und springen die Beine,
finden sich hübsche glatte Steine,
und unzählig viele andere Sachen.

„Die Meerjungfrau“ weiterlesen
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