Alphabetgeschichten: V

Viktor hatte das Eichhörnchen zu spät gesehen, sonst wäre er stehen geblieben, um es nicht zu verscheuchen. Vor dem weit entfernten Gebäude war eine Gestalt in einem Laborkittel zu sehen, vermutlich eine Frau, den Bewegungen nach zu urteilen.

Er hatte die Flucht ergriffen von zu Hause, hatte das Klavierspiel nicht mehr ertragen. Wera spielte nicht schlecht, ganz im Gegenteil. Sie erinnerte ihn immer mehr an seine Ursel. Auch sie hatte jeden Tag Klavier gespielt, und er hatte ihr gerne dabei zugehört. Wenn Wera spielte, wurde ihm immer schwer ums Herz. An manchen Tagen konnte er das aushalten. An manchen nicht.

Heute war wieder einer von den Tagen. Am liebsten ging er dann in den Park, weg von den Tönen, die ihn so sehr an seine Frau erinnerten, dass es schmerzte. Er war stolz auf seine Tochter, und sie wäre es auch.


Der 22. Teil der Alphabetgeschichten. Ich hoffe, Viktor hat auch so ein schönes Wetter im Park wie ich beim Blick aus dem Fenster …

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Alphabetgeschichten: U

Ulrike hatte den Ordner aus dem Schrank geholt und blieb stehen. Tamina war so in die Auswertung vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, dass sie von ihr gemustert wurde. Ulrikes Blick blieb an dem Flaum im Nacken hängen, der unter der Haarabdeckung hervorlugte. Taminas kurze Locken verschwanden komplett unter der Haube.

Hier am Institut war die Hierarchie relativ flach gehalten, und obwohl sie, Ulrike, Taminas Vorgesetzte war, versuchte sie, mit den Mitarbeitern möglichst auf Augenhöhe zu kommunizieren. Solange das Team gut zusammenarbeitete, war es auch nicht notwendig, die übergeordnete Position groß herauszustreichen.

Ulrike versuchte auch, nicht den Eindruck zu erwecken, Tamina bevorzugt zu behandeln. Letzten Endes ist es immer ungünstig, Arbeit und Privatleben zu vermischen. Darüber hinaus wusste sie ja gar nicht, ob Tamina für eine Beziehung zu einer Frau aufgeschlossen wäre. Momentan war sie Single, so viel wusste Ulrike, aber der letzte Partner war ein Mann gewesen, und diese Beziehung war krachend gescheitert. Von daher standen die Vorzeichen nicht unbedingt ungünstig, es einmal mit einer Frau zu versuchen, statt auf den nächsten Mann zu warten.

Sie hatte schon überlegt, eine Versetzung in eine andere Abteilung zu beantragen, sofern sie und Tamina … aber für solche Spekulationen war es noch viel zu früh. Ulrike wandte den Blick ab und schloss leise die Tür zum Labor. Sie brauchte frische Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen. Auf Dauer konnte das so nicht weitergehen. Mit dem Ordner unter dem Arm – der mehr oder weniger Alibifunktion hatte, die notwendigen Daten bekam sie auch digital – ging sie hinaus in den Innenhof, der von drei Seiten vom Gebäude umgrenzt war und mit der offenen Seite zu einem ruhigen Ausläufer des Stadtparks ausgerichtet war.

In dem Bereich des Institutes war es still, und abgesehen von vereinzelten Mitarbeitern, die schnell eine Zigarette rauchten oder ein bisschen frische Luft brauchten, war hier selten jemand zu sehen. Die Luft war kühl, weil das Gebäude weite Schatten auf die Grünfläche warf. Ein paar Vögel waren zu hören. Ein Eichhörnchen lief zu einem Baum, blieb kurz stehen und eilte dann in Windeseile den Stamm hinauf und war in der dichten Laubkrone nicht mehr zu sehen.

Sie sah einen Mann, bestimmt zehn Jahre älter als sie, und sie vermutete, dass sie einen ähnlich verzweifelten Gesichtsausdruck hatte wie er, denn er war ihm im Gesicht abzulesen, dass er etwas auf dem Herzen hatte. Für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke, so schien es, und er nickte. Grüßend? Wissend? Mitfühlend? Sie nickte zurück. Es sollte ein unbestimmter Gruß sein, aber sie spürte, dass sie in dem Moment eine Entscheidung getroffen hatte. Was rein logisch betrachtet absoluter Blödsinn war. Der Mann konnte keine Gedanken lesen, und wie um Himmels willen sollte er wissen, dass sie sich in eine Mitarbeiterin verliebt hatte?

Wahrscheinlich war es sein angespannter Gesichtsausdruck gewesen, der in ihr diese Entscheidung ausgelöst hatte. Tamina würde über diesen Gedankengang vermutlich nur lachen. Ein helles, sympathisches Lachen. Langsam ging sie ins Gebäude zurück.


Der 21. Teil der Alphabetgeschichten. Beruf und Privatleben zu trennen, ist nicht immer einfach.

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Alphabetgeschichten: T

Tamina Meigen wertete die Zellkulturen aus, eine Arbeit, die für einen Außenstehenden vermutlich furchtbar langweilig aussehen musste. Aber Forschung ist eine gute Idee und jede Menge Geduld. Und Geduld war notwendig, wenn man 100 Proben aus dem Brutschrank in den Analysator schob und jedes Resultat genau prüfen musste. Computer halfen hier ein gutes Stück weiter, und wenn man KI mit den Bilddaten fütterte, konnte man sich eine Menge Arbeit ersparen – wenn man wusste, wonach man suchte, und genau das war hier nicht der Fall. Also musste der Mensch ran – in dem Fall also Tamina.

Ihr machte das nicht aus, im Gegenteil. Sie tauchte komplett in ihre Arbeit ein und war so konzentriert, dass sie ihre Umgebung nahezu komplett ausblenden konnte. Das wussten alle Mitarbeiter und sprachen sie deshalb nur dann an, wenn es etwas wirklich wichtiges mitzuteilen gab. Eine unbedachte Bemerkung übers Wetter während der Arbeit war etwas, das Tamina absolut nicht brauchen konnte. Für solche Gespräche waren die Pausen da.

In dem Moment, als Tamina einen neuen Probenhalter aus dem Inkubator holte, kam Rike ins Labor. Rike – Dr. Ulrike Schiebels – gab mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie nur etwas aus dem Schrank benötigte, und Tamina wandte sich wieder dem Analysator zu.


Teil 20 der Alphabetgeschichten.

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Alphabetgeschichten: S

Sara stand unter der Dusche. Sie war sich nicht sicher, ob jemand an der Türe geklingelt hatte, aber das war ihr egal. Es war alles egal, völlig sinnlos. Sie weinte, und wenn jemand sie gefragt hätte, warum sie so traurig war, hätte sie es nicht erklären können. Aber es fragte keiner. Vielleicht war es die Einsamkeit? Sicher, sie hatte Bekannte, Kollegen, aber momentan kam ihr das alles oberflächlich und beliebig vor. Man traf sich, tauschte Belanglosigkeiten aus und ging seiner Wege, verrichtete sinnlose Arbeiten, ging anschließend heim, tauschte belanglose Texte auf den sozialen Medien, schaute sinnlose Filme und Serien, bis man vor dem Bildschirm einschlief. Am nächsten Morgen genau das Gleiche, immer und immer wieder.

An manchen Tagen war das nicht schlimm. Sie konnte damit umgehen. Sich ablenken. Sich einreden, dass die Arbeit erfüllend war, ihr Spaß machte, und im Grunde genommen stimmte das ja auch. Aber an anderen Tagen, so wie heute – da zeigte der Alltag seine unbarmherzige Fratze, und dahinter war nichts, nur Leere.

Vielleicht sollte sie Tamina anrufen. Man versteht eine Sache erst dann richtig, wenn man sie jemand anderem erklären muss, sagte sie immer. Tamina arbeitete in einem Labor an irgendwelchen Mikroorganismen. Gewissenhaft und geduldig bis zum Anschlag. Und ihr trotz der offensichtlichen Unterschiede sehr ähnlich. Zwillingsschwestern, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick sah.

Tamina. Obwohl sie in der gleichen Stadt lebten, sahen sie sich ganz selten. Geburtstag. Weihnachten. Aber sonst? Warum war das eigentlich so? Lag es daran, dass man ja die Möglichkeit hatte, jemanden jederzeit zu treffen, und deswegen nicht groß planen wollte? Scheiterte es daran?

Mittlerweile waren die Tränen versiegt, es kam nichts mehr, obwohl ihr immer noch zum Heulen zumute war. Die Kehle schmerzte, und Sara blieb unter der Dusche stehen, weil es sowieso keinen Unterschied machte. Vielleicht wäre ein Anruf tatsächlich das Beste, heute Abend, wenn Tamina aus der Arbeit heimgekommen war. So lange würde sie unter der Dusche stehen bleiben.

Löste man sich eigentlich irgendwann auf, wenn man zu lange im warmen Wasser blieb? Eigentlich eine schöne Vorstellung, durch die Abflussrohre gespült zu werden, als Rinnsal in immer größere Wassermassen zu fließen, bis man vermutlich irgendwann im Meer landete, die ganze Erde umfloss, so stark verdünnt, dass man im Grunde nicht mehr messbar war, auch nicht mit den hochsensiblen Messgeräten in Taminas Labor. Aufgelöst, verschwunden.

Sara stand still da und genoss diese Vorstellung. Sie entspannte sich ein wenig und pinkelte den Tränen hinterher. Ein Anfang.


Der 19. Teil der Alphabetgeschichten. Manchmal ist einem unter der Dusche einfach nicht nach Singen zumute …

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Alphabetgeschichten: R

Richard, der Hausmeister, drückte missmutig auf den Klingelknopf. S. Meigen stand darunter. Ein gedämpftes Summen ertönte hinter der Tür. Ihm brummte immer noch der Kopf. Gestern hatte er sich mit Karl traditionell auf ein Bierchen in Mikes Bierhaus getroffen. Dort hatten sie Gregor getroffen, und wo Gregor ist, ist das nächste Bier nicht weit. Allen Überredungskünsten zum Trotz ist Karl nach einem Bier brav aufgestanden und heimgegangen, obwohl er ja den kürzesten Heimweg hat. Aber es wäre wohl vernünftig gewesen, bei einem Bier zu bleiben.

Im Wohnkomplex war ein Wasserschaden aufgetreten, und die Hausverwaltung hatte ihn beauftragt, benachbarte Wohneinheiten aufzusuchen und zu prüfen, ob sich auch hier eventuelle Schäden zeigen würden. An sich auch vernünftig, frühzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen und nicht erst zu reagieren, wenn beim nächsten Mieter der Putz von der Wand fällt. Aber die meisten Mieter waren ja am Vormittag in der Arbeit, da konnte er sich den Rundgang eigentlich fast sparen. Einen Mieter hatte er aus dem Bett geklingelt, der hatte Nachtschicht und war deshalb nicht besonders gut gelaunt gewesen.

Hier schien sich auch niemand zu melden. Seufzend holte Richard den vorbereiteten Infoschrieb aus seiner Tasche und heftete in an die Tür. Noch drei Parteien, dann war das auch erledigt.


Der 18. Teil der Alphabetgeschichten. Ich hoffe, ihr startet mit einem klaren Kopf in die Woche?

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Alphabetgeschichten: Q

Quentin hörte das rhythmische Klopfen auch. Es kam aus der Nachbarwohnung, daher hörte er nicht nur das dumpfe Pochen, sondern auch ihr Stöhnen. Er war leiser, nur beim Höhepunkt stieß er meistens ein gutturales Grunzen aus. Scheinbar hatten sie und ihr Freund heute Vormittag beide frei und nutzen die Gunst der Stunde.

Er selbst saß vor dem Rechner. Im Firmenchat wurde gerade der Fortgang des aktuellen Projektes diskutiert, aber er konnte sich nur noch schwer konzentrieren. Die Nachbarin gefiel ihm auch. Deli kannte sie wohl sogar, und er hatte schon mal vorsichtig nachgefragt, ob sie sich vorstellen konnte, bei einem Dreier oder Vierer mitzumachen. Sie fand die Vorstellung aber nicht so gut und reagierte abweisend, daher war das Thema schnell vom Tisch. Schade.

Mittlerweile wurde der Rhythmus schneller. Ein imaginärer Dreier war immer noch besser als nichts, also tippte er schnell bin kurz AFK, der Hausmeister steht vor der Tür ins Chatfenster. Stimmte ja auch. Fast. Der Hausmeister war tatsächlich da gewesen, allerdings kurz bevor die Besprechung begonnen hatte. Egal. Könnte ja so sein.

Er schloss die Augen und stellte sich vor, auf der anderen Seite der Wand zu sein. Seine Hand wanderte nach unten und löste den Hosenknopf.


Teil 17 der Alphabetgeschichten.

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Alphabetgeschichten: P

Pauline saß in der Küche. Sitzen war in Ordnung, aber sobald sie aufstand, drehte sich alles um sie. Sie fühlte sich unsicher. Oskar war unterwegs, um die nötigsten Dinge einzukaufen. Normalerweise machten sie das immer zu zweit, aber heute – es wäre beim besten Willen nicht gegangen.

Draußen war ein Klappern zu hören. Die Briefträgerin brachte die Post. Hoffentlich sah sie sie jetzt nicht so da sitzen! Ihre Wohnung war im Erdgeschoss, direkt neben dem Hauseingang. Normalerweise flocht Pauline ihre Haare immer und drehte den Zopf zu einem Dutt, aber das war heute nicht möglich. Vor dem Spiegel stehen ging gar nicht, und selbst wenn sie im Sitzen die Arme über den Kopf hob, wurde ihr wieder schwindlig.

Trotzdem stand Pauline auf und ging langsam zum Fenster, um den Vorhang zuzuziehen. Nicht auszudenken, wenn jemand sie so sehen würde! Beim Fenster hielt sie inne, denn der Raum schwankte so sehr, dass sie sich am Fensterbrett festhalten musste. Sie schloss die Augen. Das war etwas besser. Sie hörte ein rhythmisches Pochen. Klopfte da jemand, vielleicht die Briefträgerin? Oder war das ihr Herz?


Der 16. Teil der Alphabetgeschichten. Hoffentlich geht es euch allen gut?!

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Alphabetgeschichten: O

Oskar fuhr langsam weiter. Die Leute wurden immer unvorsichtiger, liefen einfach auf die Straße. Wenn er nicht rechtzeitig gebremst hätte, dann …

Er überlegte. Wohin war er unterwegs? Ach ja, er sollte einkaufen. Allein, weil es seiner Frau nicht gut ging. Dummerweise hatte er den Einkaufszettel auf der Anrichte liegen gelassen. Aber es waren nur fünf Dinge auf der Liste. Oder sechs?

Während der Fahrt hatte er sie ständig wiederholt, um ja nichts zu vergessen. Und durch den Schreck hatte er komplett den Faden verloren. Eier waren auf alle Fälle dabei. Seine Frau wollte einen Kuchen backen. Also Zucker? Oder Mehl? Außerdem irgendein Waschmittel. Grüne Flasche. Oder war es Haushaltsreiniger? In dem Moment sah er, dass er an der Einfahrt zum Parkplatz vorbeigefahren war.


Der 15. Teil der Alphabetgeschichten. Das Problem mit dem Einkaufszettel …

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