Der Einlassstempel

Wieder muss ich vorausschicken, dass alle Namen in der folgenden Geschichte erfunden sind.

Ich hatte mich mit Stephi verabredet, und nach einem schönen langen Nachmittag in der Stadt ließen wir den Abend in einer kleinen Bar ausklingen. Dort war es ziemlich voll geworden, und die Gäste versuchten, sich über die laute Musik hinweg zu unterhalten, was für einen nicht unerheblichen Hintergrundlärm sorgte.

Dazu muss man wissen, dass es mir schwerfällt, laute Musik und Gesprächslärm komplett auszublenden. Ich muss mich dann immer sehr auf mein Gegenüber konzentrieren, denn mein Gehirn neigt dazu, bei Reizüberflutung in eine Art »stand by«-Modus zu wechseln. Die Geräusche legen sich dann wie ein Kokon um mein Bewusstsein, und meine Gedanken stülpen sich nach innen. Das fühlt sich eigentlich sehr heimelig an, ist aber denkbar ungeeignet, um zum Beispiel Stephis Ausführungen im Detail zu folgen und an den richtigen Stellen die richtigen Antworten geben zu können.

Wir ließen nun also den Tag Revue passieren, und ich bemühte mich, Stephis Gedankensprüngen zu folgen. Die Farbe eines Mantels im Schaufenster erinnerte sie an eine Studienkollegin, deren damaliger Freund einen Bademantel in genau der gleichen Farbe hatte, und der hing immer noch mit den gleichen Gestalten herum (der Ex-Freund, nicht der Bademantel) wie der Ex von einer, die …

Dieser Erzählstrom wurde plötzlich von einem Mann unterbrochen, der an unseren Tisch kam und fragte, ob er sich kurz zu uns setzen dürfe. Er warte auf einen Bekannten, und alle anderen Plätze seien belegt. Aus den bekannten Gründen bleibt er hier namenlos. Stephi nutzte die Gunst der Stunde und die Tatsache, einen unverbrauchten und damit vermutlich gesprächigeren Menschen am Tisch zu haben. Ich freute mich über die Abwechslung und die Tatsache, jetzt nicht mehr mit vollster Konzentration den freien Assoziationen lauschen zu müssen, und schaltete gedanklich zwei Stufen herunter. Solange er nicht anfing, Stephi und mich anzuflirten, war mir alles recht.

Der Mann war etwa so alt wie wir und machte (nach einigen Umwegen und interessanten Abzweigungen im Ausbildungsweg) gerade seinen Master in einem Fach, das so ungewöhnlich ist, dass ich es hier nicht erwähne, um unter dem Radar von Stephis Internetrecherchen zu bleiben. Innerhalb weniger Minuten hatte Stephi ihm seinen Werdegang und seine Familienverhältnisse entlockt. Als er noch sehr klein gewesen war, war sein Vater verunglückt, daher waren er und seine ältere Schwester hauptsächlich bei den Großeltern aufgewachsen, während die Mutter tagsüber in der Arbeit gewesen war, um die Familie zu versorgen.

Nachdem sie seinen Werdegang in groben Zügen in Erfahrung gebracht hatte, entschuldigte sich Stephi kurz und ging zur Toilette. Ich war mittlerweile so in der Rolle des passiven Beobachters aufgegangen, dass ich einfach still da saß und unverwandt auf einen kreisrunden Fleck starrte, der auf dem Handgelenk des Mannes zu sehen war. Die Form erinnerte mich an einen Stempel, den man früher in Clubs oder bei Konzerten bekam, wenn man kurz frische Luft schnappen wollte.

»Ja, das sieht aus wie ein Einlassstempel, und ich glaube, das ist es auch«, erwiderte er, scheinbar meine Gedanken lesend.

Ich entschuldigte mich für mein Gestarre, aber er grinste nur und fuhr fort:

»Als mein Vater bei dem Autounfall uns Leben kam, war ich auch in dem Auto. Ich war noch sehr jung und kann mich nicht mehr daran erinnern. Aber diese Narbe hier« – er zeigte auf die entsprechende Stelle – »ist damals entstanden, in dem brennenden Auto. Ich musste reanimiert werden, und mich konnten sie tatsächlich wieder zurückholen. Sonst wäre ich ja nicht hier.«

Ich nickte nur. Was sollte ich auch dazu sagen?

»Ich glaube eigentlich nicht an Zufall oder Vorsehung, aber viele Jahre später habe ich einen Peanuts-Comic entdeckt, datiert auf den 31. Mai 1993 – exakt den Tag, an dem der Unfall passiert ist. Kennst du die Peanuts? Charlie Brown, Snoopy, Linus?«

Ich nickte und ergänzte: »Schroeder, Lucy, Peppermint Patty. Ja, kenne ich!«

»In dem Comic fragt Linus, ob man nach dem Tod eigentlich wieder zurückkommen darf ins Leben, und Charlie Brown antwortet darauf sinngemäß: Ja, aber nur, wenn man sich vorher einen Stempel geholt hat.«

Er hielt die Hand hoch und fuhr fort:

»Dies ist wohl der Stempel, den mir ein glühendes Autoteil verpasst hat. Deswegen durfte ich wieder zurück. Irre, oder?«

Wieder nickte ich, sprachlos.

Eine Männerhand landete auf seiner Schulter.

»Da bist du! Komm, wir müssen los, sind schon spät dran.«

Der Bekannte, auf den der Mann gewartet hatte, war in die Bar gekommen und nickte mir einen stummen Gruß zu.

»Tut mir leid, die Unterhaltung sprengen zu müssen, aber …«

Er machte eine Bewegung Richtung Handgelenk, um zu signalisieren, dass es nun dringend an der Zeit sei, aufzubrechen.

Ich nickte, völlig überwältigt von all den Informationen, die auf mich einströmten.

»Liebe Grüße an Stephi!«, rief mir der Mann noch im Hinausgehen zu, dann waren sie verschwunden.

insomnia

schlaflos
die tagträume vertrieben
von der dunkelheit
ersetzt durch
weißt-du-noch/was-wäre-wenn
in endlosen spiralen

traumlos
alle träume der nacht
sind nur erinnerungen
an ereignisse
die nie passiert
und doch vertraut sind

ruhelos
sucht der geist am morgen
in den erinnerungen der nacht
nach einer grenze
zwischen dem gestern
und dem jetzt

sinnlos
ist das
weitersuchen
aufstehen

Götterdämmerung

Er sah ihn kommen.

Zuerst war es nur eine Ahnung von Bewegung in der Ferne, aber er sah alles. Sah ihn langsam näherkommen. Konnte schließlich sein Gesicht erkennen, sah die Verwirrung in seinen Augen. Die Gestalt hielt immer wieder inne und schien zu lauschen.

Die Stimmen.

Auch er selbst war vor langer Zeit über die weite Ebene gestolpert. Einem Ruf gefolgt, der ihn unweigerlich zur Stadt zog. War schließlich zur Hütte gekommen. Der Hütte, in der er jetzt saß und wartete. Damals hatte ihn ein Mann begrüßt, so wie er selbst mit langem weißen Bart und einem weißen Umhang bekleidet. Mittlerweile hatte er diesen Posten übernommen.

Er genoss die Stille in der Hütte. Die Stimmen im Kopf waren seltener geworden, und das war ihm ganz recht. Es war eine helle Stimme gewesen, und obwohl er nicht verstand, was sie sagte, fühlte er sich angesprochen. In regelmäßigen Abständen erklang sie in seinem Kopf. Nur er konnte sie hören, aber jeder in der Stadt hatte seine Stimme, die zu ihm sprach.

Mittlerweile gehörte er zu den Blassen, seine Gestalt war undeutlich geworden, verschwommen und durchscheinend. Solche wie ihn gab es viele. Ein paar von den Blassen schienen immer durchsichtiger zu werden und sich langsam in Nichts aufzulösen.

Es gab auch andere, die klar und deutlich zu erkennen waren, fast schon übernatürlich. Die hörten ständig Stimmen: fröhlich, traurig, bittend, fordernd, klagend, verzweifelt. Und statt allmählich zu verblassen, verschwanden die von einem Augenblick auf den nächsten. Ohne Vorwarnung. Am Ende wurden die Stimmen noch einmal richtig laut und intensiv, dann war alles vorbei.

Die Stimmen.

Jeder Ankömmling (er selbst eingeschlossen) erinnerte sich an sein erstes Erlebnis, und das war der Klang der Stimme. Man befand sich irgendwo in den weiten Ebenen. Keiner wusste, wie er hergekommen war, aber jeder wusste, wohin er zu gehen hatte. Intuitiv kam jeder zur Stadt. Manche auf direktem Weg, andere irrten eine Weile herum. Irgendwann kam jeder hierher.

Manche glaubten, dass sie von der Stimme erschaffen wurden. Wenn die Stimme nicht mehr erklang, verschwand man wieder. Das klang irgendwie plausibel, erklärte aber nicht, warum manche verblassten, andere aber auf einen Schlag verschwanden.

Einige waren der Ansicht, dass hinter jeder Stimme irgendein Wesen zu stecken schien, das auf unerklärliche Weise mit jedem Bewohner der Stadt verbunden war. Löste sich das Wesen auf, verschwand der Bewohner. Aber warum verschwanden die Wesen? Hatten sie ihrerseits eine Stimme, die sie am Leben hielt? Und wenn ja, ging das immer so weiter, bis ins Unendliche?

Er selbst hatte sich damit abgefunden, dieses Mysterium nie auflösen zu können. Er saß da, genoss die Stille im Kopf und ließ seinen Blick über die Ebene schweifen. Früher war mehr los gewesen, aber mittlerweile war es sehr ruhig. Nur selten kamen neue Bewohner hier an.

Die Gestalt hatte sich bis auf wenige Schritte seiner Hütte genähert. Sie blieb stehen und schien zu lauschen. Er stand auf und ging hinaus, um den Neuen zu begrüßen.

Ein Lebenszeichen

Dieser Beitrag ist eine Art Zwischenstand und vielleicht auch der Versuch, mich selber zu motivieren, wieder mehr zu schreiben. Außerdem enthält er ein bisschen Werbung 🙂

Dass es nach den Alphabetgeschichten ein bisschen ruhiger werden würde, hatte ich vorausgeahnt, aber dass es auf der Beinahewelt fast zum Stillstand kommen würde, hatte ich nicht erwartet. Im Rückblick kann ich gar nicht festmachen, woran es genau lag: die Standardausrede »keine Zeit« stimmt zwar punktuell, aber in Retrospektive hätte es genügend kreative Zeitfenster gegeben. Keine Ideen? keine Muße? Auch das stimmt so nicht (ganz): eine Idee liegt fast ausformuliert auf der Festplatte, andere noch eher skizzenhaft … alles da, warum also die Verzögerung?

Ich habe es bis jetzt noch nicht mal geschafft zu erwähnen, dass Arthur Witten (ein Bekannter Freund Seelenverwandter) mit »Pareidolie« ein neues Buch veröffentlicht hat, in dem mit MenschenLeben und wanderer zwischen den welten sogar zwei Gedichte von mir enthalten sind. Warum eigentlich nicht?

Meine Vermutung: für kreative Arbeit ist das Bauchgefühl entscheidend, und bei all den oben erwähnten Ideen und Skizzen fühlt es sich noch nicht rund an (und Werbung in eigener Sache ist ein ganz anderes Thema und mir eigentlich immer unangenehm). Bei Nachtschattengewächs musste ich mich schon fast zwingen, den »Veröffentlichen«-Button zu klicken: man hätte aus der Thematik noch viel mehr rausholen können. Andererseits ist es auch nicht unbedingt verkehrt, spontane, rohe, »unfertige« Ideen zu teilen – es gibt ja später immer noch die Möglichkeit, solche Ideen auszubauen und ihnen einen Feinschliff zu geben.

Und trotz der Ideen: der kreative Speicher fühlt sich leer an, obwohl er das nicht ist. Soll man sich zwingen, eine Idee in Angriff zu nehmen in der Hoffnung, dass der übertragene Appetit beim Essen kommt? Soll man warten, bis einen die Muse küsst? (Gibt es eigentlich auch männliche Musen?)

Reizen würde mich eigentlich ein Gedicht, dass sich so richtig »altmodisch« reimt. In diesem Blog gibt es nur die Meerjungfrau mit vielen sich reimenden Strophen. Es hat lange gebraucht, dieses Gedicht fertigzustellen, aber es hat auch viel Spaß gemacht. Darauf hätte ich Lust, aber es fehlt noch ein Thema. Die aktuelle (vorweihnachtliche) Zeit hat Loriot in seinem Adventsgedicht perfekt zusammengefasst, das ist nicht mehr zu toppen und daher als Thema in meinen Augen ausgeschöpft. Aber die Zeit ist ideal, um Gedichte zu schreiben: draußen ist es ungemütlich, er wird spät hell und früh dunkel – eigentlich perfekt, um ganz analog mit Papier und Bleistift dazusitzen und sich Reim um Reim auszudenken.

Eigentlich fehlt nur noch das Thema …

Nachtschattengewächs

Er griff zur Rotweinflasche, aber die war leer. Hatte er sie komplett ausgetrunken? Ein Blick auf den Bildschirm: 23:42 Uhr. Die letzten zweieinhalb Stunden hatte er damit verbracht, irgendwelchen Querverweisen auf Wikipedia zu folgen, und dabei wohl immer wieder fleißig nachgeschenkt. Morgen war zum Glück Samstag, da konnte er ausschlafen.

An den eigentlichen Grund, Wikipedia geöffnet zu haben, und den Startpunkt seiner Odyssee durch die unzähligen Artikel, daran konnte er sich nicht mehr erinnern. Auf dem Bildschirm war der Beitrag über Nachtschattengewächse geöffnet. Ein seltsamer Name für eine Pflanzengattung. Neben Tomaten gehörte auch die Engelstrompete dazu, die direkt vor seinem Fenster wuchs und eine stattliche Größe erreicht hatte. Nachtschatten – nachts ist alles dunkel, wo sollte da ein Schatten herkommen, wenn nicht …

Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprang er auf. Keine gute Idee, so schnelle Bewegungen in dem Zustand. Er hielt sich am Stuhl fest und blickte aus dem Fenster. Der Mond stand am Himmel, nicht ganz voll, aber in der wolkenlosen Nacht hell genug, um einen Schatten zu produzieren. Vorsichtig ging er zum Lichtschalter und knipste das Licht aus. Tatsächlich! Der Schatten der Pflanze war auf dem Boden des Zimmers zu erkennen. Das Muster des Teppichs verhinderte aber, dass man klare Konturen sehen konnte. Eine Leinwand musste her, irgendeine glatte, weiße Fläche.

Ihm fiel ein, dass der kleine, alte Küchentisch mit weißem Resopal bezogen war. An einer Stelle war die Oberfläche verfärbt, weil er einmal einen zu heißen Topf darauf gestellt hatte, aber das sollte kein grundsätzliches Problem darstellen.

Auf dem Weg zur Küche wurde der Wein auch in den Beinen spürbar, und beim Versuch, den Tisch anzuheben, rutschte ein Teller herunter und zersprang auf dem Boden. Den hatte er wohl vergessen und nach dem Abendessen nicht gleich gespült. Egal. Die Scherben konnte er auch später aufräumen, jetzt wollte er erst einmal seine Idee überprüfen.

Die Tischbeine stellten ein ernstzunehmendes Hindernis dar, um ins Wohnzimmer zu kommen, aber nach einigen Versuchen hatte er den Dreh heraus und den Tisch so auf den Boden gestellt, dass die weiße Tischplatte zum Fenster zeigte. Auf dem weißen Rechteck tanzten die Schatten der Engelstrompete. Sehr schön. Gebannt blickte er auf die sich langsam wiegenden Formen. Draußen wehte ein schwacher, lauer Sommerwind, der die Stängel, Blätter und Blütenkelche rhythmisch schaukeln ließ.

Doch was war das? Ein Teil der Schattenfigur schien unabhängig von den Pflanzenteilen in erratischen Mustern über die Tischplatte zu gleiten. Ein Tier? Er blickte nach draußen zur Engelstrompete, sah dort aber nichts, was diese Bewegung verursachen könnte. War das – ein Nachtschatten? Er drehte sich langsam zum Tisch und hielt die Hand so ans Fenster, dass deren Schatten einen deformierten Hund bildete. Der tanzende Fleck schien davor zurückzuweichen. Klar, als Schatten hätte ich vermutlich auch vor einem Schattenhund Angst, der plötzlich auftaucht, dachte er sich. Deshalb ging er so leise wie möglich zur Tischplatte. Können Schatten hören? Sicher ist sicher. Behutsam legte er seine Hand auf das Resopal. Es fühlte sich kühl an. Der schwarze Schemen schien innezuhalten, zu zögern, abzuwarten. Er bewegte sich nicht.

Hatte er sich getäuscht? Seine Hand würde bald anfangen zu kribbeln, weil er sie in einem unnatürlichen Winkel gegen die Tischplatte drückte. Da war wieder eine vorsichtige, sachte Bewegung. Ein schwarzer Umriss löste sich langsam aus dem Nachtschattengewächs und glitt auf seine Hand zu, erreichte sie – und schlüpfte vorsichtig auf sie. Unglaublich! Da, wo der Schatten die Hand bedeckte, fühlte es sich seltsam an. Nicht unangenehm, eher kalt und irgendwie rau. Als ob Tausende von kleinen kalten Füßen seine Haut berührten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit zog er die Hand ganz vorsichtig von der Platte zurück, und der Schatten blieb ruhig dort sitzen. Na so was! Er hatte einen zutraulichen Nachtschatten!


Am nächsten Tag erwachte er mit einem flauen Gefühl im Bauch und einem Kopfschmerz, der den Schädel von innen zu sprengen schien. Er erinnerte sich an die Flasche Rotwein. In seltenen Fällen bekam er Migräne davon, und da reichte dann schon ein kleines Glas als Auslöser. Heute war wohl einer dieser Tage. Und es war eine ganze Flache gewesen. Vielleicht würde ein Schluck Wasser helfen?

Als er in die Küche kam, fehlte der Küchentisch. Auf dem Boden lagen Scherben. Was war hier los? Ach ja, er hatte den Tisch ins Wohnzimmer getragen. Aber warum?

Er trank einen Schluck Wasser, und der Magen rebellierte sofort. Die Kloschüssel erreichter er gerade noch rechtzeitig, und als sich die weiße Keramik rot färbte, musste er an den englischen Ausdruck technicolor yawn denken, buntes Gähnen, das den eben erlebten Vorgang nahezu perfekt beschrieb. Zum Lachen war ihm allerdings nicht zumute, denn durch den Druck beim Würgen schien der Kopf nun kurz vorm Bersten zu sein. Vor seinen Augen tanzten farbige Lichter. Er drehte sich zur Seite und lehnte sich an die kalte Fliesenwand. Was war gestern alles passiert? Warum hatte er den Tisch ins Wohnzimmer getragen? Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Er hatte den Tisch als Leinwand benutzt – für einen Schatten. Einen Nachtschatten, genau! Aber war das Erlebnis tatsächlich passiert, oder hatte ihm der Alkohol einen Streich gespielt?

Der Magen bäumte sich erneut auf, und die Flecken vor den Augen wurden intensiver. Aber halt – war da nicht ein schwarzer Umriss sichtbar, in der gegenüberliegenden Ecke? Er lächelte – und drehte sich dann schleunigst wieder zur Kloschüssel.

sich öffnen

du sitzt im gras
neben der bühne
hast deine augen
geschlossen

du lauschst der musik
spürst den bass
und die blicke der anderen
auf deinen dünnen armen

jede narbe
war eine öffnung in deinen körper
damit das leben
hineinströmt
und die angst
entweicht

so viel leben
so viel angst


Mich hat der Mut der jungen Frau beeindruckt und inspiriert, die Spuren ihres persönlichen Kampfes so offen zu zeigen.

Alphabetgeschichten: Z

Zoja betrachtete von der Theke aus die nervöse Frau. Vorhin hatte sie ihr unfreiwillig einen Schrecken eingejagt. Dabei wollte hatte sie nur nachgefragt, ob noch alles passen würde. Die Frau schreckte auf und starrte sie an, als hätte sie einen Geist gesehen.

Abgesehen davon war die heutige Vormittagsschicht extrem ruhig. Wenn Wochenmarkt und schönes Wetter war, kamen nur wenige ins Café. Zoja nahm das Tablett und ging zu der Frau am Fenster.

»Vorsicht, nicht erschrecken!«

Aber die Frau schien in ihrer eigenen Welt zu sein und ließ sich wohl auch durch eine Bedienung nicht aus der Ruhe bringen. Sie war vor einer Stunde hereingekommen und hatte zu schreiben begonnen. Nun war sie bereits beim dritten Cappuccino, den Zoja auf den Tisch stellte. Neben der Tasse lagen einige eng beschriebene Blätter. Auf einem davon stand das Wort Alphabetgeschichten, doppelt unterstrichen. Als Zoja zur leeren Tasse griff, hielt die Frau kurz inne und richtete ihren Blick auf sie. Sie schien sie kurz mit hellen blauen Augen zu mustern. Ein wacher Blick, aber nicht unangenehm. Kleine Lachfältchen rahmten die Augen ein. Zoja grinste zurück. Der Blick der Frau wanderte nach unten, zum Namensschild. Sie lächelte.

»Perfekt. Danke, Zoja!«


Der letzte Teil der Alphabetgeschichten.

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Alphabetgeschichten: Y

Yvonne saß in der hintersten, dunkelsten Ecke des Cafés und ließ nervös ihren Blick durch den Raum schweifen. Außer der Bedienung mit den langen schwarzen Haaren, einem älteren Mann und einer Frau, die mit dem Rücken zu ihr saß und seit einer ganzen Weile unablässig zu schreiben schien, war niemand da. Zum wiederholten Mal blickte sie auf ihr Mobiltelefon. Draußen ging ein Mann vorbei, und für einen kurzen Moment glaubte sie, dass er es gewesen war.

Sie beruhigte sich wieder. Vor einigen Tagen hatte sie im Internet einen alten Vogelkäfig eingestellt, und er hatte sich auf die Anzeige gemeldet. Am Telefon war ihr seine etwas geschraubte und umständliche Wortwahl aufgefallen, aber sie hatte sich nichts dabei gedacht. Sie hatten einen Termin vereinbart, er war gekommen und hatte den Vogelkäfig kurz angesehen und sofort bezahlt, ohne überhaupt den Versuch zu unternehmen, sie herunterzuhandeln. Anschließend hatte er davon gesprochen, dass Tierfreunde die besseren Menschen seien und er schon gespürt habe, dass sie ein lieber Mensch sei, noch bevor er die Wohnung betreten habe. Dass er nicht an Horoskope glaube, aber es kein Zufall gewesen wäre, dass er die Anzeige gelesen habe.

Nach kurzer Zeit war ihr die Sache unangenehm geworden. Sie hätte ihn am liebsten mit seinem Vogelkäfig vor die Tür gesetzt, war aber höflich geblieben und seine immer dreisteren Vorschläge nur vage kommentiert. Sie war bislang immer der Meinung gewesen, dass ein zögerlich vorgebrachtes ›ich weiß nicht, mal sehen‹ von jedem eindeutig als ein ›Nein danke‹ verstanden wurde. Er schien das als Zusage zu interpretieren und hatte sie zu zum Essen eingeladen.

Das war vor drei Tagen gewesen, und nun schickte er in unregelmäßigen Abständen Grüße, Bilder von Vögeln und schmalzige Gedichte und ließ nicht locker.


Der 25. und vorletzte Teil der Alphabetgeschichten.

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Alphabetgeschichten: X

Xavier war der glücklichste Mensch auf Erden. Davon war er überzeugt. Er hatte Yvonne zum Essen eingeladen, und sie hatte zugesagt. Vage und vorsichtig, wie es ihre Art war, aber damit wusste er umzugehen. Sie war einfach schüchtern, doch das würde sich legen, wenn sie sich öfter treffen würden.

Er summte die Melodie, die er auf dem Weg zum Wochenmarkt aufgeschnappt hatte. Aus einem offenen Fenster war Klaviermusik erklungen, die perfekte Untermalung zu einem perfekten Tag! Und so schwebte und tanzte er den Rest des Weges bis zum Wochenmarkt.

Der Wochenmarkt! Eine Explosion von Farben und Gerüchen! Die Sonne lugte schräg unter die Markisen und brachte Äpfel und Tomaten zum Leuchten. Er sog tief die Luft ein, bis er kurz davor war, in tausend Schmetterlinge zu zerplatzen. Ach, die Welt war schön!

»Stehen Sie hier an?«

Eine Frau hatte sich an ihn gewandt, sah ihn mit skeptischem Blick an. Sie war vermutlich etwa in seinem Alter und stand schräg neben ihm.

»Gehen Sie ruhig vor. Ist das nicht herrlich, diese Pracht?«

Er breitete beide Arme aus und deutete auf den Stand vor ihm.

»Danke.«

Die Frau würdigte ihn keines Blickes mehr und kaufte Kartoffeln, Bohnen und einen Blumenkohl.


Der 24. Teil der Alphabetgeschichten – einen Tag später als sonst …

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